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Vernatsch: Einst Massenwein – bald Mangelware?

Seit 2004 versucht der Vernatsch Cup, die Ehre des Südtiroler Klassikers zu retten. Das ist gleich doppelt wertvoll: Erstens sind die Weine aus dieser autochthonen Rebsorte einfach toll, zweitens wird sie trotzdem in immer weniger Weinbergen gehegt und gepflegt. Jede Initiative zur Förderung des Vernatsch ist deshalb hoch willkommen. Und es wird Zeit, seine Geschichte zu schreiben – nicht etwa als Nachruf, sondern mit Blick auf seine Zukunft.

Vernatsch, das ist auf den ersten Schluck ein frischer, fröhlicher, unkomplizierter Rotwein. Er ist von glänzender, transparenter und eher heller Farbe, weshalb ihn manche irrtümlich für einen Rosé halten. Schon in der Nase weist er jedoch vielversprechende Tiefe auf, duftet fein nach Erd- und roten Johannisbeeren, manchmal auch nach dunklen Früchten, seltener nach Veilchen und Mandeln, öfter auch etwas nach Unterholz und Waldboden. Dazu passend erscheint er im Gaumen feinherb-fruchtig, eher flüssig mit frischer Säure und sehr wenig Tannin. Vernatsch-Weine bestechen nicht durch ungebändigter Kraft, sondern verführen mit filigraner Eleganz.

Entsprechend kommt es darauf an, was man vom Vernatsch erwartet. Wer allein auf tiefschwarze, alkohol- und tanninreiche Rotweine steht, begibt sich mit dieser Traubensorte auf seinen ganz persönlichen Holzweg. Doch seit einigen Jahren geht der allgemeine Weintrend ja wieder in Richtung Eleganz, Feinheit und Ausgewogenheit, und da kann der Vernatsch punkten. Er überzeugt darüber hinaus mit einer herb-fruchtigen Frische, die aus ihm selbst im Hochsommer einen idealen Essensbegleiter macht – dank des spärlichen Tannins selbst zu Fisch.

Doch nicht nur bei Tisch, auch in der Verkostung macht der Vernatsch eine gute Figur. Von den 60 Weinen, die es am Vernatsch Cup in die Endausscheidung geschafft haben, gefielen mir 18 ausgesprochen gut, 32 würde ich ohne Weiteres trinken, und nur 10 mochte ich nicht so richtig (wobei 4 von diesen nicht aus Südtirol stammen). Das ist eine ungewöhnlich gute Ausbeute, die ihresgleichen sucht.

Zur besseren Orientierung werden die Weine beim Vernatsch Cup nach Kategorien geordnet. Die Organisatoren Othmar Kiem, Günther Hölzl und Ulrich Ladurner bilden vorab zwei große Gruppen – die „Tradition“ der Südtiroler Weine des jüngsten Jahrgangs (aktuell 2018) und den „anderen Vernatsch“. Dazu zählen Weine älterer Jahrgänge (bis 2014), anderer Herkunft (z.B. Trollinger aus Deutschland) und „Experimente“, die allerdings als einzige große Kategorie verkostet werden. Bei den 2018ern wird hingegen nach den wichtigsten Anbaugebieten getrennt degustiert: Kalterersee, Meraner, Südtiroler Vernatsch und St. Magdalener.

Grob vereinfacht kommen die Vernatsch vom Kalterersee der obigen Beschreibung am nächsten, während die Meraner etwas feiner und leichter, die St. Magdalener etwas tiefer und kräftiger und die Südtiroler Vernatsch etwas einfacher, dafür sortentypischer ausfallen. Generell bestätigt sich diese Charakteristik in der Verkostung, auch wenn im Einzelfall die Handschrift des Winzers oder Kellermeisters den Wein stärker prägen mag als die Herkunft.

Beim Degustieren spielt auch der Ort eine wichtige Rolle. Das Restaurant 1500 im vigilius montain resort bietet für den Vernatsch Cup eine einmalige Kulisse. Auf 1500 Meter über Meer und mit atemberaubenden Blick auf die ganze Kette der noch Anfang Juni verschneiten Dolomiten ist es womöglich wirklich der „schönste Verkostungsraum der Welt“ (Othmar Kiem). Als Jury-Mitglied muss man einzig aufpassen, sich nicht durch Ambiente und Panorama von der eigentlichen Aufgabe ablenken zu lassen…

Dolomiten-Panorama vom Restaurant 1500 im vigilius mountain resort aus gesehen (Bild: mb)

60 Weine in 2-3 Stunden zu verkosten ist bei allem Spaß auch anstrengend. Um jedem Wein gerecht zu werden, muss man die Konzentration bis zum Schluss hoch halten, was vor allem in der sehr heterogenen Gruppe der „anderen Vernatsch“ nicht leicht gefallen ist. Im Unterschied zu den 32 2018er Vernatsch aus Südtirol, bei denen Typizität im weitesten Sinne im Vordergrund steht, geht es bei den 28 „anderen“ darum auszuloten, was mit der Sorte von Lagerfähigkeit über Holzfassausbau bis Edelfäule alles möglich ist. Auch wenn mir nicht jeder Versuch gelungen scheint, so halte ich dieses „Labor“ doch für wichtig, um das Potenzial der Rebsorte voll auszuschöpfen.

So sieht der Arbeitsplatz eines Jury-Mitglieds beim Vernatsch Cup aus. (Bild: mb)

Wein degustieren ist keine objektive Wissenschaft, sondern spiegelt die Vorlieben eines jeden Verkosters wider. Beim Vernatsch Cup erkürt die Jury gemeinsam 10 „Vernatsch des Jahres“ – 2 Kalterersee, 1 Meraner, 2 Südtiroler, 3 St. Magdalener und 2 „andere“. Verglichen mit anderen Weinprämierungen ist das eine ziemlich strenge Auswahl. Dieser stelle ich hier meine persönlichen Favoriten aus jeder Kategorie gegenüber.

Kategorie Vernatsch des Jahres 2019 Persönliche Favoriten MB
Kalterersee Südtirol Kalterersee Classico Superiore 2017Alexander 2018 – Nicolussi-Leck Kalterersee classico superiore DOC Quintessenz 2018 – Kellerein Kaltern
Kalterersee Südtirol Kalterersee Auslese Klassisch Bischofsleiten 2018 – Castel Sallegg Kalterersee classico superiore DOP 2018 – Ritterhof
Meraner Südtirol Vernatsch Meraner Hügel 2018 – Innerleiterhof Südtirol Vernatsch Meraner Hügel 2018 – Innerleiterhof
Südtiroler Vernatsch Südtirol Vernatsch Fass Nr. 9 2018 – Kellerei Girlan Südtirol Vernatsch Fass Nr. 9 2018 – Kellerei Girlan
Südtiroler Vernatsch Südtirol Vernatsch Freisinger 2018 – Kellerei Tramin Vernatsch DOC Alte Reben 2018 – Franz Gojer
St. Magdalener Südtirol St. Magdalener Classico 2018 – Fliederhof Südtirol St. Magdalener Classico 2018 – Fliederhof
St. Magdalener Südtirol St. Magdalener Classico Antheos 2018 – Ansitz Waldgries Südtirol St. Magdalener klassisch DOC Rieser 2018 – Nals-Margreid
St. Magdalener Südtirol St. Magdalener Classico mit Schutzzeichen 2018 – Kellerei Bozen St. Magdalener Classico DOC 2018 – Franz Gojer
„Anderer“ Vernatsch Südtirol St. Magdalener Classico Gran Marie 2017 – Fliederhof Südtirol St. Magdalener Classico Gran Marie 2017 – Fliederhof
„Anderer“ Vernatsch Farnatzer Kunstwerk der Natur 2016 – Kränzelhof Graf Pfeil Südtirol St. Magdalener klassisch DOC HUB 2017 – Untermoserhof

Der Südtirol St. Magdalener Classico Gran Marie 2017 vom Fliederhof wurde auch zum Publikumsliebling des Vernatsch Cup 2019 gewählt.

Die prämierten „Vernatsch des Jahres 2019“… (Bild: Wineline International)
… und ihre Winzer mit den Organisatoren, von links: Othmar Kiem (Wineline International), Günther Hölzl (Pur Südtirol), Franz von Pfeil (Kränzelhof), Jakob Nicolussi Leck (Weingut Nicolussi Leck), Franz Scarizuola (Kellerei Tramin), Karl Pichler (Innerleiterhof), Matthias Hauser (Castel Sallegg), Martin Ramoser, Stefan Ramoser (Fliederhof), Michael Bradlwarter (Kellerei Bozen), Mark Pfitscher (Kellerei Girlan), Ulrich Ladurner (vigilius mountain resort), Christian Plattner (Ansitz Waldgrieshof). (Bild: Wineline International)

Der Vernatsch Cup beschränkt sich nicht auf Selektion und Prämierung der ausgezeichneten Weine. Dazwischen haben die Jury-Mitglieder ausgiebig Gelegenheit, sich bei einer Wanderung auf dem Vigiljoch von den „Strapazen“ der Verkostung zu erholen und die hervorragenden Einrichtungen des modern und nachhaltig konzipierten vigilius mountain resort zu testen – samt Spa und Massage. Für uns ständig per Smartphone vernetzte Journalisten ist eine Errungenschaft des 5-Sterne-Hotels erst so erschreckend wie später wohltuend: digital detox bedeutet unter anderem, dass das WLAN nach 23:00 Uhr ab- und erst am frühen morgen wieder eingestellt wird – in den Alpen abschalten, eben. Alles hier oben ist vom Feinsten, perfekt aufeinander abgestimmt, und die Leute sind superfreundlich. Einziger Haken: Das nur per Seilbahn von Lana aus zu erreichende Paradies hat seinen Preis.

Außer zum Frühstück steht der Vernatsch auch bei den Mahlzeiten im Mittelpunkt und stellt dabei seine vielfältige Eignung unter Beweis, sei es zu währschaften Brennessel- und Speck-Canederli im Berg-Gasthaus oder zu den raffinierten Kreationen der Brigade von Küchenchef Filippo Zoncato im Restaurant 1500. Im Anschluss an die Degustation wird schließlich in der hoteleigenen Bibliothek angeregt über den Vernatsch, seine Vergangenheit und Zukunft und wie er sein soll diskutiert. Zu diesem Zweck haben die Organisatoren auch zwei Produzenten eingeladen, die vom Vernatsch überzeugt sind und gleichwohl sehr unterschiedliche Philosophien dieses Weins verfolgen.

Zusammen mit Mara Lona vom Consorzio Cembrani D.O.C. sind Nicola und Dino Zanotelli aus dem Val di Cembra angereist. Das nordöstlich von Trento gelegene Seitenhochtal liefert Grundweine für die Erzeugung des Schaumweins Trento DOC und wird seit einigen Jahren für seine ausgesprochen feinen Müller Thurgau gerühmt. Weniger bekannt ist, dass von den knapp 700 Hektar Rebterrassen bis zum Aufkommen der Weißweinerzeugung in den 1960er-Jahren fast ausschließlich Schiava (italienischer Name des Vernatsch, siehe weiter unten) gekeltert und nach Südtirol geliefert wurde. Tatsächlich zählt das Val di Cembra aufgrund eines Dekrets von 1931 noch heute zum Anbaugebiet Kalterersee. Die Familie Zanotelli war seit der Gründung ihres Weinbaubetriebs im Jahre 1886 in diesem Geschäft tätig und ist der Schiava im Unterschied zu anderen Winzern bis jetzt treu geblieben. Allerdings verkaufen die Zanotellis den Wein längst nicht mehr offen, sondern füllen je nach Jahrgang 5000-6000 Flaschen selbst ab. Der 2018er stammt von 70-80-jährigen Reben, ist im Stahltank vergoren und eben erst abgefüllt worden. Nicht Teil der Degustation, macht er seine gute Figur eben bei Tisch: ein frischer, fruchtiger Bergwein mit knackiger Säure und Herbe.

Einen ganzen anderen Weg beschreitet Luis Oberrauch. Der Önologe unterstützt hauptberuflich Willi Stürz, den Kellermeister der Kellerei Tramin. Als sich ihm 2017 die seltene Chance eröffnete, an bester Lage im Anbaugebiet des St. Magdalener Weinberge zu pachten, zögerte er keinen Moment – seine Weinmanufaktur war geboren. „Der Luis“ legt nämlich Wert darauf, seine 5000 Rebstöcke ebenso wie die daraus entstehenden Weine ausschließlich von Hand zu pflegen – vom Ausbrechen der Triebe bis zum Aufkleben des Etiketts. Auf diesem steht als Weinname ganz einfach „Rot“ und als Herkunftsangabe „Mitterberg IGT“. Kein St. Magdalener also, und vor allem kein Hinweis auf die Traubensorte, den Vernatsch, aus dem der „Rot“ zu mindestens 90% besteht (mit bis zu 10% Lagrein). Das ist weder ein Lapsus noch ein verschämtes Verbergen, sondern ein bewusster Entscheid, um den Vorurteilen gegen den Vernatsch ein Schnippchen zu schlagen: Der „Rot“ soll beweisen, dass man aus dieser Sorte Weine von der Qualität bester Burgunder keltern kann. In der Tat ist der 2017er als Wein vorzüglich – wenn auch nicht als Vernatsch erkennbar, was bei der Vinifikation auch nicht weiter erstaunt: Die biologisch angebauten Trauben von 80-jährigen Reben werden in offenen Tonneaux während bis zu 3 Wochen spontan auf der Maische vergoren, der Wein reift anschließend in gebrauchten Tonneaux und Barriques.

Was als Wein an sich überzeugt, scheidet als Vernatsch allerdings die Geister: Greift ein Pinot-Liebhaber am Ende nicht doch lieber zum originalen Spätburgunder? Und wird der Vernatsch ausgerechnet durch seine Nicht-Erwähnung wirklich gefördert? Muss sich der Vernatsch komplett verändern oder gerade so bleiben, wie er ist, wenn er eine Zukunft haben soll? Diese Fragen sind existenziell, denn wenn es so weitergeht wie in den letzten 40 Jahren, könnte der Vernatsch bald einmal verschwinden.

Was nach billigem Alarmismus klingt, beruht auf harten Fakten. Aktuell beträgt die Anbaufläche für Vernatsch in Südtirol noch 702,75 Hektar; 12,88 Prozent der Weinberge sind somit Vernatsch bestockt.[1] Für sich allein genommen sind das keine Besorgnis erregende Zahlen – der Vernatsch ist noch immer die meist angebaute Rebsorte, das Drama zeigt sich erst in der zeitlichen Dynamik. Mitte der 1980er-Jahre belief sich der Vernatsch-Anteil nämlich auf zwei Drittel oder rund 3500 Hektar.[2] In nur einer Winzergeneration ist der Vernatsch also um den Faktor Fünf gesund geschrumpft.

Während die gesamte Rebfläche in Südtirol über die letzten 40 Jahre praktisch stabil geblieben ist (Linie oben, rechte Y-Achse), ist der Vernatsch-Anteil daran massiv zurückgegangen (Säulen, linke Y-Achse). Am Kalterersee ist der größte Verlust zu verzeichnen, auch wenn es jüngst wieder einen leichten Zuwachs gibt (1978: 2545 ha; 2013: 327 ha; 2018: 373 ha, insgesamt -85%). Die Einbuße wurde zwischenzeitlich vom Südtiroler Vernatsch und Grauvernatsch teilweise kompensiert, die jedoch inzwischen selbst erheblich geschrumpft sind (2018: 30 ha bzw. 1 ha). Etwas besser haben sich der St. Magdalener und Meraner gehalten, die allerdings beide auch mehr als die Hälfte ihrer einstigen Rebfläche verloren haben (2018: 178 ha & 97 ha). Hingegen scheint der Bozner Leiten bereits verschwunden (2018: 0 ha), während der Vernatsch-Anbau im Vinschgau noch jung und damit bescheiden ausfällt (2018: 12 ha). Die Winzer selbst gehen davon aus, dass die Vernatsch-Rebfläche bis 2030 um weitere 20% abnehmen wird, das wären dann noch rund 550 Hektar.[3]
Sie haben richtig gelesen: Der Vernatsch musste tatsächlich gesund schrumpfen. Denn was bis in die 1980er-Jahren aus dem Südtiroler Rebenmeer gewonnen wurde, genügte nur selten qualitativen Minimalansprüchen. Stattdessen setzte man auf Masse, und ein großer Teil dieser Produktion verließ als Offenwein schon im Dezember des Erntejahres den Bahnhof Bozen im Zisternenwagen Richtung Norden – offenbar vor allem in die Schweiz. Weshalb der Vernatsch ausgerechnet in der Alpenrepublik seinen Absatz fand, bedarf der genaueren historischen Aufarbeitung – und an dieser Stelle eines kleinen Exkurses in seine mit Südtirol eng verwobene Geschichte.

Vernatsch ist die Südtiroler Traubensorte schlechthin – so einheimisch, dass sie in Süddeutschland den Namen Trollinger trägt, der offensichtlich von Tirolinger herrührt. Im Lateinischen heißt einheimisch jedoch vernacolus, woraus sich neben dem deutschen Vernatsch auch das italienische Vernaccia als allgemeine Bezeichnung für lokalen Wein entwickelt hat. Mit den verschiedenen weißen Vernaccia hat der rote Vernatsch jedoch nichts gemein, sein italienischer Name ist vielmehr schiava, zu deutsch Sklavin. Er geht wahrscheinlich auf die weit verbreitete historische Praxis zurück, die Rebe im Stamm kurz zu halten und sie an Bäumen oder Pfählen emporranken zu lassen. Im Unterschied zu anderen Sorten, die im Stamm höher erzogen wurden, war die schiava also buchstäblich nicht selb-ständig, sondern auf eine Stütze angewiesen. Als wenig plausibel, ja sogar falsch gilt hingegen die These, wonach schiava von slava abstamme und sich somit auf den Heunisch beziehe, der aus slawischen Ländern von den Longobarden oder Hunnen nach Italien gebracht wurden. Im Unterschied zu vielen anderen europäischen Rebsorten ist eine Verwandtschaft zwischen Heunisch und Vernatsch bis heute jedoch nicht nachgewiesen worden. Genetische Untersuchungen von 2013 lassen vielmehr vermuten, dass auch dem Vernatsch eine Rolle als Stammvater manch anderer Rebsorten zukommt und er demnach schon sehr alt ist. Seine Herkunft bleibt daher weiter ungeklärt.[4]

Möglicherweise hängt die Umwandlung von Vernaccia in Vernatsch auch mit einer besonderen Vinifikationsmethode zusammen, die um 1600 vom Gardasee nach Südtirol gekommen war. Dabei wurden die erst halbvergorenen Trauben in spitz zulaufenden Säcken über den Gärbottichen aufgehängt mit dem Ziel, einen Süßwein zu erzeugen. Der mit Hilfe dieser „Vernatschersaccl“ entstandene Wein trug folglich den Namen Vernatscher.[5] Die erste namentliche Erwähnung eines „Vernetzer“ findet sich jedoch bereits 1490 in einer Weinrechnung des Klosters Tegernsee, das damals ausgedehnte Weingüter in Südtirol besaß.

Dies verweist auf die engen, aber auch ambivalenten Beziehungen mit Bayern. Seit 1363 gehörte die Grafschaft Tirol den Habsburgern und damit zu Österreich. Dieses musste jedoch Ende 1805 das um die säkularisierten Erzbistümer Brixen und Trient bis zum Nordufer des Gardasees erweiterte Tirol an Bayern abtreten, das kurz darauf von Napoleon zum Königreich erhoben wurde. Die bayrische Herrschaft war zwar nur von kurzer Dauer, wurde von den Einheimischen aber als fremd wahrgenommen, was 1809 zu den von Andreas Hofer angeführten Freiheitskämpfen führte. Im Anschluss daran wurde Tirol von Napoleon zerstückelt: Trient, Bozen und Toblach im Pustertal kamen zum Königreich Italien, das östliche Pustertal (mit Lienz) wurde den Illyrischen Provinzen Frankreichs zugeschlagen, Bayern behielt Nordtirol, das westliche Pustertal, das Eisacktal, den Vinschgau und Meran. Zwar kam nach dem endgültigen Fall Napoleons 1814 die ganze Gegend wieder unter die Oberhoheit Österreichs[6], aber manche der damals willkürlich gezogenen Grenzen sind noch auf heutigen Karten erkennbar.

(Bild: Von Geiserich77 – Map drawn by (Geiserich77), CC BY-SA 3.0)

Die Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg (Bild: Von PSIplus – Based on de:Bild:Gesamttirol.png, Gemeinfrei)

Napoleon hatte in gewisser Weise vorweggenommen, was nach dem Ersten Weltkrieg Tatsache werden sollte: die Teilung Tirols. Nach der Besetzung durch italienische Truppen im November 1918 wurde Südtirol im Friedensvertrag von St. Germain 1919 Italien zugeschlagen und von diesem am 10. Oktober 1920 schließlich annektiert. Die Südtiroler selbst konnten sich dazu nicht äußern – ein klarer Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Sie fügten sich zwar ihrem Schicksal, entwickelten aber ein umso stärkeres Bewusstsein ihrer ganz eigenen „Tirolität“. Was erst einmal konservativ, ja reaktionär anmuten mag, erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine vielschichtige Mentalität, die sich gerade nicht aus nationalistischen Strömungen, sondern aus einer entschieden antifaschistischen Tradition entfaltet. Diese wurzelt vorab in der repressiven Italianisierungspolitik, die Mussolinis Schlägertrupps schon seit Anfang 1921 rücksichtslos durchsetzte. Dies erklärt, weshalb ein so traditionsverbundener Verein wie der Südtiroler Schützenbund die Schleifung des Mussolini-Reliefs in Bozen und anderer faschistischer Denkmäler in Südtirol fordert.[7]

In die Frühphase des Faschismus fallen allerdings auch wichtige wirtschaftspolitische Weichenstellungen, die den Weinbau betreffen. So gründen die Weinbauern von St. Magdalena 1923 mit der St. Magdalener Weinbauerngenossenschaft das noch heute bestehende freiwillige Schutzkonsortium, um den St. Magdalener zu schützen und zu fördern. Die Frage stellt sich, ob bei dieser Gründung die Förderung des Absatzes oder auch der Schutz vor Übergriffen des faschistischen Regimes im Vordergrund stand, das auch vor Zwangsenteignungen nicht zurückschreckte. Jedenfalls schloss Italien noch im selben 1923 ein Handelsabkommen mit der Schweiz ab, das am Beginn des Vernatsch-Exports in die Eidgenossenschaft stehen könnte.[8] Möglicherweise spielen auch die Sondervereinbarungen während des Zweiten Weltkriegs eine Rolle, mit denen die Schweiz ihre Versorgung mit Gütern sicherstellte, die sie selbst gar nicht oder nicht in ausreichender Menge erzeugen konnte – darunter auch Wein. Jedenfalls wurde 1961 auf Grundlage des Handelsvertrags von 1923 das „Abkommen über die Ausfuhr italienischer Weine nach der Schweiz“ abgeschlossen, das seither mehrmals aktualisiert wurde und noch heute in Kraft ist.[9] In diesem Kontext nahm schließlich auch die Flaschenabfüllung italienischer Qualitätsweine in der Schweiz ihren Anfang – ein Privileg, das seit 1994 ausdrücklich sogar für DOCG-Weine gilt.[10]

All dies ist der Hintergrund des Phänomens, an das ich mich als kleiner Junge gut erinnern kann: Bestellte jemand in der „Beiz“, der Schweizer Kneipe, ein „Zweierli“, kam meist ein Zwei-Deziliter-Fläschchen des Namens Kalterersee oder St. Magdalener und Kronkorken auf den Tisch. Das scheint zwar inzwischen ziemlich vorbei, aber die gleichnamigen Literflaschen, die mein Opa beim Discounter holte, stehen dort noch immer für 4–5 Franken ganz unten im Regal. Aus heutiger Sicht stellen solch billige Massenweine ein ernsthaftes Problem für den Weinmarkt dar, aber in den 1970er-Jahren verdienten nicht nur die Schweizer Importeure, sondern auch die Südtiroler Winzer damit gutes Geld. Ökonomisch herrschten im Südtiroler Weinbau der Nachkriegsjahrzehnte daher eher rosige denn dunkle Zeiten. Im Zuge der Industrialisierung wurde damals auch die industrielle Weinerzeugung als technologischer Fortschritt betrachtet, der darüber hinaus auch einen kulturellen Wandel bewirkte: Wein wurde für breitere Bevölkerungskreise erschwinglich, Arbeiter konnten sich nicht mehr nur Bier, sondern auch mal einen „guten Tropfen“ leisten. Dass gerade dieses Versprechen in der Phase des aufkeimenden Qualitätsbewusstseins augenscheinlich gebrochen wurde, sollte sich für Südtirol generell und für den Vernatsch ganz besonders fatal erweisen.

Mitte der 1980er-Jahre wurde der Südtiroler Weinbau on zwei Weinskandalen erschüttert, die ihn gleich von zwei Seiten in die Zange nahmen: der Glykolwein-Skandal in Österreich (1985) und der Methanolwein-Skandal in Italien (1986). Die irgendwie österreichische und gleichwohl italienische Provinz wurde gleich doppelt getroffen – obwohl sie in keinen der beiden Skandale direkt involviert war. Doch das spielte keine Rolle. Wichtiger war, dass es bei den Panschereien um das „Aufbessern“ billiger Massenweine ging – das erfolgreiche Südtiroler Geschäftsmodell war somit im Handumdrehen mit einen nicht wieder gut zu machenden Makel behaftet.

Die Reaktion von Winzern und Kellereigenossenschaften ist bekannt: Es setzte die bis heute andauernde Qualitätsrevolution ein, dank der Südtirol anerkanntermaßen zu einer der besten Weinbauregionen der Welt aufgestiegen ist. Nur einer hat diesen Wandel mit einem nachhaltigen Imageschaden bezahlt: der Vernatsch. Gerade in der Schweiz, wo das Massengeschäft doch so erfolgreich lief, ist es heute besonders schwer, Weinfreunde von der Qualität eines Kalterersee oder St. Magdaleners zu überzeugen. Lässt man sie die Weine blind verkosten, sind sie überrascht, ja begeistert, beim Aufdecken des Etiketts herrscht dann ungläubiges Staunen: „Das glaube ich nicht! – Du nimmst uns auf den Arm! Sag schon, was ist das denn nun wirklich?“ Als hätte der Gastgeber mit dem Wein irgendwie getrickst…

Man kann Luis Oberrauch deshalb schon verstehen, wenn er die Traubensorte nicht auf die Flasche schreibt. Und man kann ihm genauso wie Nicola Zanotelli beipflichten, wenn sie bemängeln, dass manche Winzer den Vernatsch als Stiefkind behandeln. Dabei könnten sie angesichts des hohen Qualitätsniveaus der Weine doch stolz auf ihn sein. Selbstverständlich ist das auch, wer mit einem „Vernatsch des Jahres“ ausgezeichnet wird, und insofern hat der Vernatsch Cup den ersten Teil seiner Mission bereits erfüllt, dass nämlich die Weinbauern selbst wieder von Sorte und Wein überzeugt sind. Was den zweiten Teil betrifft, den Vernatsch allgemein wieder bekannter zu machen, scheint man ebenfalls auf gutem Weg wenn man vernimmt, dass der eine oder andere Winzer bereits während mehrerer Monate keinen Wein mehr im Keller hat. Sollten sich auch die Schweizer plötzlich wieder für Kalterersee, St. Magdalener und Co. begeistern – was ich schwer hoffe, könnte der Vernatsch sogar bald Mangelware sein. Vielleicht ist ja die Zeit gekommen, wieder mehr von ihm zu pflanzen? Es müßen ja nicht gleich wieder 3500 Hektar sein.

Das „Vernatsch mich“-Motiv gibt es als T-Shirt, Pulli, Schürze, Tasche oder Beutel für Männlein und Weiblein bei Snowflys. Danke Kilian Kraut für’s Modell-Stehen! (Bild: mb)


[1] Handelskammer Bozen – Kontrollstelle Wein: Tabelle „Anbauflächen nach Sorten 2018“ (Abgerufen am 11.6.2019)
[2] Steurer, Rudolf: Vino. Die Weine Italiens. Eine Enzyklopädie. Rüschlikon-Zürich: Albert Müller, S. 74; Robinson, Jancis: Reben, Trauben, Weine. Ein Führer durch die Rebsorten der Welt. Bern & Stuttgart: Hallwag, S. 211; Handelskammer Bozen – Kontrollstelle Wein: Tabelle „Anbaufläche und Produktion der DOC Weine im 5 Jahreszeitraum“ (Abgerufen am 11.6.2019)
[3] Diagramm erarbeitet aufgrund der Tabelle „Anbaufläche und Produktion der DOC Weine im 5 Jahreszeitraum“ (Abgerufen am 11.6.2019)
[4] Giavedoni, Fabio (Hg.): Guida ai Vitigni d’Itialia. Storia e caratteristiche di 700 varietà autoctone. Bra: Slow Food 2016, S. 424-430; Südtirol Wein: Vernatsch, o. J. [2018]; Lacombe, T.; Boursiquot, J.M.; Laucou, V.; Di Vecchi-Staraz, M.; Peros, J.P.; This, P.: Large-scale parentage analysis in an extended set of grapevine cultivars (Vitis vinifera L.). In: Theoretical Applied Genetics 126 (2), 2013, S. 401-414 (zu Schiava grossa S. 407 & 411). Die vom Heunisch abstammende Schiava lombarda ist mit dem Vernatsch nur dem Namen nach, aber nicht genetisch verwandt.
[5] Maran, Ivo; Morandell, Stefan: Von „vinus vernacius“ … Der Südtiroler Vernatsch und seine Geschichte. In: Taschler, Herbert (Hg.): Südtiroler Vernatsch. gestern – heute – morgen. Bozen: Athesia 2018, S. 53-56.
[6] Südtirol Wein: Vernatsch, o. J. [2018]; Putzger – Historischer Atlas (12. Aufl.). Berlin: Cornelsen 1996, S. 87; Forscher, Michael: Kleine Geschichte Tirols. Innsbruck-Wien: Haymon 2006, S. 126-148.
[7] Steininger, Rolf: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zu Gegenwart. Innsbruck-Wien: Haymon 2014, S. 15-38; NZZ Format: Südtirol: 100 Jahre zwischen Tirolität und Italianità (abgerufen am 17.6.2019); SBB: Goodbye Lenin – Buongiorno Mussolini – Verkehrte Welt! (abgerufen am 17.6.2019)
[8] SR 0.946.294.541
[9] SR 0.946.294.541.4
[10] SR 0.946.294.541.43

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2 Kommentare

  1. Sinn Karoline

    Guter Artikel
    Für mich als Winzerin nicht nur ein Genussmittel, sondern auch ein toller Begleiter. Im Weinberg besonders schön. Besonders, weil es nicht einfach ist. Eine Diva, die es verdient, Zukunft zu haben!!

    • Markus Blaser

      Vielen Dank, Karoline Sinn, ich bin überzeugt, dass die elegante Diva Vernatsch eine Zukunft hat!!

      Herzlichst

      Markus Blaser

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