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Lugana: Der Sommerweiße für den goldenen Herbst

Weißwein ist Sommerwein, doch im Hitzesommer 2026 ist wohl so manchen der Durst nach vergorenem Rebensaft vergangen, selbst nach dem hellen und vermeintlich leichteren. Seine Zeit ist jetzt, da sich der Herbst mit milden Temperaturen und goldener Sonne weit herum als Nachsommer (Adalbert Stifter) präsentiert. Grund genug, den Lugana vom Südende des Gardasees zu entdecken.

Italienische Weiße haben es nördlich der Alpen schwer, Reisende am Gardasee die Qual der Wahl zwischen Bardolino im Osten und Groppello im Westen (beide auch als Chiaretto) oder Custoza. In der Nähe locken Valpolicella und Amarone, Soave und Pinot Grigio, Franciacorta und Prosecco, und von Haus aus werden Vorlieben für Riesling, Chardonnay oder Gutedel (Chasselas) mitgebracht. Die Chancen des Lugana, sich gegen solche Konkurrenz durchzusetzen, scheinen nicht gerade groß.

Doch 2025 sind im Anbaugebiet am Südufer des Sees auf etwa 2700 Hektar Rebfläche über 206 000 Hektoliter Weißwein erzeugt und 27,5 Millionen Flaschen abgefüllt worden. Davon gehen fast zwei Drittel ins Ausland, und der wichtigste Absatzmarkt ist Deutschland. Dort haben die Verkäufe um 2,1% zugelegt, wobei der Lugana mit durchschnittlich 7,67 Euro deutlich teurer im Supermarktregal steht als andere italienische Weiße, die mit bloß 2,85 Euro aber Marktanteile verloren haben. Seit 2010 haben sich Rebfläche und Produktion des Lugana fast verdreifacht, von knapp 1000 auf etwa 2700 Hektar bzw. rund 74 000 auf über 206 000 Hektoliter. Wie erklärt sich dieses kleine Weinwunder, noch dazu in jenem Land, dessen Weinfans außer Wasser und deutschem Riesling eigentlich nichts Weißes an ihre verwöhnten Gaumen lassen?

Der Erfolg des Lugana mag überraschen, beruht allerdings auf mehreren Faktoren und ihrem Zusammenwirken. Zunächst ist sein Anbaugebiet, wie das seiner Nachbarn, von einer gewaltigen Gletscherzunge geformt worden, die bis zum Ende der letzten Eiszeit das Becken des Gardasees ausgehobelt, an seinen Rändern Sedimente abgelagert und Moränen angehäuft hat.

Der Gardagletscher hat nach der letzten Eiszeit die größte Moränenlandschaft Europas hinterlassen. (Quelle: https://web.fe.infn.it/pls_scienzedellaterra/wp-content/uploads/2020/01/Guida_MUSE_Garda_PLS_Unife-1.pdf, S. 12.)

Letztere reichen fast überall ans Ufer heran, doch auf der unteren Abbildung sind die Sediment-Ebene zwischen Sirmione und Peschiera und die weiter nach Süden verdrängten Moränen-Hügel gut zu erkennen. Genau hier liegt das Anbaugebiet des Lugana, das sich im buchstäblichen Grunde zweigeteilt darstellt: In der Ebene wachsen die Reben auf Lehmböden, an den Hügeln auf einem Gemisch aus Tonerde, Sand, Kies und Steinen. Für den Weinbau ist solcher Untergrund nicht wirklich ideal: Lehm verdichtet sich bei Hitze zu einer steinharten Schicht und löst sich bei Regen in matschigen Schlamm auf. Gleichzeitig birgt er Substanzen, die dem Lugana seine charakteristischen Eigenschaften verleihen. Zu diesen trägt auch der Gardasee mit seinen bei Seglern berühmt-berüchtigten Winden bei. Sie bewirken am Südufer ein mildes Klima mit ausgewogenen Temperaturen in der Ebene und guter Belüftung in den Hügeln.

Im Web kursiert eine ganze Reihe ungenauer und falscher Karten der DOC Lugana. Das liegt daran, dass sich im Süden des Gardasees gleich mehrere Anbaugebiete überlappen: Riviera del Garda Classico DOC (samt Unterzone Valtènesi), San Martino della Battaglia DOC, Lugana DOC, Benaco Bresciano IGT. Es ist deshalb gar nicht so einfach, eine stimmige Übersichtskarte der Gardasee-Weine zu finden. Diese hier zeigt zwar nicht alle, aber die Lugana DOC mit ihren wichtigsten Nachbarn und erfüllt so den Zweck der groben Orientierung.

Das Anbaugebiet des Lugana erstreckt sich so von der Halbinsel Sirmione bis Peschiera del Garda quadratisch Richtung Süden bis Castel Venzago im Südwesten und Madonna della Scoperta im Südosten. Wer es genau wissen möchte, konsultiert die interaktive Karte auf der Website des Konsortiums (https://www.consorziolugana.it/indice-aziende) oder besorgt sich die detaillierte Karte bei „Map Man“ Alessandro Masnaghetti (https://www.enogea.it/prodotto/lugana/). Auf beiden fällt ins Auge, dass sich Betriebe und Weinberge im nordöstlichen Dreieck zwischen Peschiera del Garda, Sirmione, San Martino della Battaglia und Pozzolengo konzentrieren. Der Lugana ist also vor allem ein Wein der Ebene, von der aus er nach und nach die daran anschließenden Hügel erobert.

Diese einst unwirtliche Sumpf- und Waldlandschaft („lucus“ ist eines von vier lateinischen Wörtern für Wald) ist erst seit dem 15. Jahrhundert durch Trockenlegungen und Abholzungen von der Republik Venedig urbar gemacht worden. Schon Ende des 16. Jahrhunderts werden in historischen Quellen die Weißweine der Gegend als „squisiti Trebulani“ gelobt. Es ist der erste Hinweis auf die Traubensorte Trebbiano di Soave (oder di Lugana), die hier Turbiana genannt wird. Der Lugana muss laut Produktionsreglement zu mindestens 90% aus Turbiana bestehen und wird in der Regel reinsortig gekeltert. Diese Rebe ist nach Böden und Klima der dritte und mindestens ebenso wichtige Faktor für die Typizität dieses Weins und wird deshalb gerne zum Symbol der Identität des Lugana stilisiert.

In Wirklichkeit ist die Turbiana nicht nur mit dem Trebbiano di Soave, sondern auch mit dem Verdicchio aus den Marken identisch und nicht bloß verwandt. Das haben mehrere Studien schon seit 1991 gezeigt und neuere genetische Analysen zweifelsfrei bestätigt. Gleichwohl gedeiht die Sorte an den Gestaden des Gardasees anders als unweit des Meeres bei Jesi, in der Hochebene von Matelica oder auf den Vulkanböden des Soave (in dem überdies die Sorte Garganega die Hauptrolle spielt). Dass sie dem Lugana seinen ganz eigenständigen Charakter verleiht, ist daher ein Paradebeispiel für das „Terroir“, verstanden als Zusammenspiel von Boden, Mikroklima, Rebsorte und dem Umgang mit ihr.

Dazu gehört, dass die Produzenten vor allem auf ihren Basiswein setzen. Zwar können schon länger auch „Spumante“ und „Superiore“ und seit Kurzem auch „Riserva“ und „Vendemmia Tardiva“ erzeugt werden, aber neun von zehn Flaschen sind „einfacher“ Lugana DOC. Dessen hohe Qualität ist neben der Reinsortigkeit ein entscheidender Pluspunkt des Lugana. Die Mühe der Winzerinnen zahlt sich überdies in einer erstaunlichen Langlebigkeit dieses Weißweins aus, wie sie beim gleichermaßen unterschätzten Chasselas aus Top-Lagen wie dem Dézalay überrascht (und beim Riesling nicht immer zu Recht erwartet wird).

Nach über 50 verkosteten Lugana Anfang Juni 2026 in Bologna zeigt sich jedenfalls, dass er sich vom unkomplizierten Aperitif, als der er seit Jahren in Erinnerung geblieben ist, ganz offensichtlich zum ausdrucksstarken Tropfen gemausert hat. Mit dem Verdicchio hat er die grünlichen Reflexe, ein filigranes Mandelaroma und eine gewisse Salzigkeit gemein. Abgesehen davon kommt er mit hellem Gelb und feinen Zitrus-, bzw. Agrumennoten jedoch deutlich weniger balsamisch-konzentriert und dafür viel frischer und fast schon stahlig daher. Schließlich tippe ich auf die eigentümliche Verbindung von prägnanter Säure, überraschender Mineralität und salziger „Sapidità“, die selbst Riesling gewohnte Zungen neugierig macht.

Wer sich in den Herbstferien gerade am Gardasee entspannt und Lust auf einen Schluck Weißwein bekommen hat, sollte sich daher das erstmals stattfindende Lugana Festival in Sirmione nicht entgehen lassen: https://www.luganafestival.it. Vom 16. bis 18. Oktober 2026 kann man sich verkostend seinen eigenen Eindruck vom Lugana verschaffen und diesen in einer Masterclass vertiefen. Ein kostenloses Musik- und Kulturprogramm sowie Kellertouren mit dem Lugana Express runden das Angebot ab. Mit über 20°C lädt der goldene Herbst an diesem Wochenende noch einmal zum Sommerweißen. In diesem Sinne: Zum Wohl!

Beitragsbild: Kernzone des Lugana-Anbaugebiets in der Ebene zwischen Sirmione (Halbinsel im Hintergrund) und Peschiera del Garda (Quelle: https://www.luganafestival.it/wp-content/uploads/2026/08/territorio-1.jpg)

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