Der Rancia von Fèlsina ist einer der emblematischen Weine des Chianti Classico und begleitet mich seit Beginn meiner Weinbegeisterung Anfang der 1990er-Jahre. Zuletzt etwas aus dem Blick geraten, kommt die Einladung zu einer Vertikalverkostung Mitte Juni 2025 in Castelnuovo Berardenga gerade recht.
Rancia ist der Name des Podere, d. h. des großen, heute nicht mehr bewohnten Bauernhofs gleich oberhalb der Weinberge direkt am Waldrand. Er rührt von Grancia her, was (nicht nur) im Sienesischen einen Kornspeicher bezeichnet. Tatsächlich war der Ort früher vor allem für sein Brot bekannt, das dort gebacken wurde. Die Reben des Podere bildeten eher einen kleinen Weingarten als einen großen Weinberg. Dieser ursprüngliche „Vigneto Rancia“ stellt den historischen Kern der gut neun Hektar Rebberge ganz oben am Hügel dar, auf denen heute die Trauben für den Rancia gewonnen werden. Die Vergrößerung der namengebenden Anbaufläche ist dabei mitnichten willkürlich, denn schon Anfang des 19. Jahrhunderts wird im Leopoldinischen Kataster eine viel größere Zone als Rancia geführt. Umgekehrt haben die Verantwortlichen bei Fèlsina auf eine technisch durchaus mögliche Planierung und Nutzung des ganzen Hangs bewusst verzichtet und stattdessen Ginster und anderes Busch- und Baumwerk belassen haben. Das entspricht ganz der Philosophie des seit 2015 bio-zertifizierten Betriebs, Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität zu fördern. Sie erstreckt sich nicht nur auf die inzwischen rund 72 Hektar Reben, sondern auf die ganzen 500 Hektar des Anwesens, das neben Ackerland, Olivenhainen, Gemüse- und Obstgärten vorwiegend aus Wald besteht.

Der Sägerei- und Hafenunternehmer Domenico Poggiali aus Ravenna erwirbt diese Ländereien 1966 von der Adelsfamilie Chigi Saraceni eigentlich als Jagdrevier – und aufgrund des historischen Moments zu einem Spottpreis. Ende 1965 stirbt Guido Chigi Saraceni, Musikmäzen und Besitzer der Villa im Ortszentrum wie des Landwirtschaftsbetriebs (Fattoria), Anfang Jahr tritt die zwei Jahre zuvor per Gesetz beschlossene Abschaffung der Halbpacht (Mezzadria) in Kraft. Neue Halbpachtverträge dürfen nicht mehr abgeschlossen werden, bestehende laufen aber weiter. Die Bewirtschaftung des Landes muss daher einerseits von Grund auf neu organisiert werden, andererseits kann die soziale Struktur des Mezzadria- und Fattoriasystems nicht von heute auf morgen aufgegeben werden. Bei Fèlsina werden praktisch alle bisherigen Halbpächter zu vollwertigen Mitarbeitern, die mit ihrem Erfahrungswissen maßgeblich zum Erfolg des neuen Unternehmens beitragen.
Gerade am „Vigneto Rancia“ erkennen Domenico und sein Sohn Giuseppe Poggiali nämlich das große Potenzial des Territoriums für den Weinbau. Mit Unterstützung von Domenicos Schwiegersohn Giuseppe Mazzocolin und dem Önologen Franco Bernabei entwickeln sie in den 1970er- und 1980er-Jahren das moderne Weingut und bringen 1983 mit Fontalloro und Rancia die ersten Weine von Spitzenqualität heraus.
Der Fontalloro stammt teils von Trauben außerhalb des Produktionsgebiets, steigt rasch vom Tafelwein (Vino da tavola) zum „Supertuscan“ auf und wird als reinsortiger Sangiovese deklariert. Das geht beim Riserva Vigneto Rancia nicht, denn laut Produktionsreglement muss ein Chianti Classico damals zwingend noch andere und vor allem weiße Trauben enthalten – bis diese Vorgabe 1996 abgeschafft wird. Wenn seither immer mehr und immer bessere reinsortige Sangiovese unter den Chianti Classico gibt, dann ist das nicht allein, aber doch mitentscheidend dem Wagemut des Rancia zu verdanken. Seine herausragende Qualität mag nicht nur den strengsten Weinkritikern ein Schnippchen geschlagen haben, sondern hat sie zweifellos davon überzeugt, dass sich aus hundert Prozent Sangiovese auch im Chianti Classico absolute Spitzenweine erzeugen lassen.
Insofern darf der Rancia als Sangiovese-Pionier des Anbaugebiets gelten, und die Poggiali zählen mittlerweile über drei Generationen unbestritten zu seinen wichtigsten Förderern. Giovanni Poggiali, der Fèlsina seit 1993 leitet, führt diese Treue nicht zuletzt darauf zurück, dass die Sorte auch in der Romagna heimisch ist wie seine Familie. Die Leidenschaft für das „Blut Jupiters“ (von lateinisch „sanguis jovis“) zeigt sich nicht zuletzt darin, dass für die Erneuerung der Weinberge auf Auswahl und vegetative Vermehrung der geeignetsten Rebstöcke gesetzt wird, etwa aus dem alten Rancia-Weingarten. Dies ermöglicht eine breitere genetische Vielfalt der Pflanzen im Unterschied zur heute vielfach präferierten Klonselektion. Es zeigt auch, dass mit der Sangiovese-Präferenz keine Engstirnigkeit einhergehen muss: Genauso fragwürdig wie die ursprüngliche Pflicht zur Verwendung weißer Sorten ist Poggiali deren 2005 verordnetes Verbot unnötig erschienen. Skeptisch hat er sich zunächst auch gegenüber der Gran Selezione gezeigt, die 2014 als neue Top-Kategorie eingeführt worden ist, doch seit dem Jahrgang 2021 gehört nun auch der Rancia (wie der Colonia) dieser „Champions League“ des Chianti Classico an. Ich selbst muss einräumen, dass sich meine Befürchtung noch strengerer Weine als so manche Riserva erfreulicherweise nicht wirklich bewahrheitet hat, und der Rancia ist einer der besten Belege dafür, wie elegant eine Gran Selezione daherkommen kann.
Wohlgemerkt: Der Rancia reift nach Vergärung bei 28-30 °C in Stahl während 18-20 Monaten im Barrique. Extreme Fruchtigkeit oder gar kältemazerierte Bonbonaromen kann man also nicht erwarten. Doch auch mit einem tanninreichen Kraftprotz sollte man trotz des Ausbaus im kleinen Holzfass nicht rechnen. Der Rancia ist zwar durchaus strukturiert, kommt aber zugleich fein, bisweilen sogar filigran daher und gibt seine dezente, aber vielschichtige Frucht nur langsam preis. Er buhlt nicht mit sensationellen Geruchseffekten und spektakulären Geschmacksexplosionen um die momentane Aufmerksamkeit von Leuten, die ebenso kurz an Gläsern schnuppern, wie sie Social-Media-Posts durchwischen, sondern verlangt nach Bereitschaft zu tieferem Genuss in Zeit und Muße. Menschen, die sich auf seine delikate Geruchs- und Geschmackswelt einlassen, werden sie als sanfte Ruhe und Entspannung in wohltuender Abkehr von der harten Hektik des Alltags zu schätzen wissen.
Vertikalverkostung Fèlsina Rancia, 17. Juni 2025
Bei Degustationen verschiedener Weine steht üblicherweise die Frage nach dem Terroir im Vordergrund. Bei Verkostungen verschiedener Jahrgänge desselben Weins geht es hingegen stets auch um die Frage, ob sich Veränderungen in Weinberg und/oder Keller über die Zeit auch im Glas bemerkbar machen, will heißen ob und wie sich der Weinstil entwickelt und ob trotz unverzichtbarer Anpassungen eine durchgehende Handschrift aus Ausdruck der Philosophie des Weinguts erkennbar ist. Die Reben für den Rancia wachsen auf 400-420 M.ü.M. und auf Kalkböden vorwiegend aus kalziumhaltigen Sandstein (Alberese) und einem Kalk-Blauschiefer-Gemisch (Galestro). Das Klima von Castelnuovo Berardenga in der südöstlichen Ecke des Chianti-Classico-Anbaugebiets ist generell etwas wärmer als etwa in Gaiole oder den hohen Lagen von Lamole.
Gleichwohl ist der Alkoholgehalt der sieben verkosteten Jahrgänge nicht übermäßig hoch (13,5-14%), die Farbe generell eher hell und stets transparent, die dezente Nase erinnert durchwegs an Tabak, der Wein wirkt flüssig im Mund, das Tannin fein. Giovanni Poggiali mag keine Präferenzen unter seinen „Weinkindern“ verteilen, und üblicherweise fällt es auch mir schwer, die spannende Vielfalt der Weine auf eine langweilige Rangliste zu reduzieren. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme – nicht zuletzt, weil ein Kollege den Jahrgang am besten fand, der mich am wenigsten zu begeistern vermochte. Die Welt des Weins ist eben auch deshalb so faszinierend, weil unsere persönlichen Vorlieben verschieden sind.
Rancia Chianti Classico Gran Selezione DOCG 2021
Mittleres Rubin-Ziegelrot; feinwürzige Nase, dahinter dezente Frucht; fein- bis mittelflüssig, sehr feines Tannin; delikat. (Rang 2)
(Milder, regenreicher Winter, frischer Frühling mit Frost Anfang April, sehr heißer Sommer mit Regen, große Temperaturschwankungen im September.)
Rancia Chianti Classico Riserva DOCG 2018
Mittleres Rubin; feinwürzige (Tabak), auch verhalten feinfruchtige Nase; feinflüssig, extrem feines, kaum spürbares Tannin; sehr feiner, filigraner Wein. (Rang 1)
(Durchzogenes Jahr, regenreicher Winter mit Frost Ende Februar, heißer, regenreicher Frühling und Sommer, sonniger September mit guten Temperaturschwankungen.)
Rancia Chianti Classico Riserva DOCG 2015
Dunkles Rubin-Granat; würzige, auch etwas getoastete Nase; eher flüssig, feinwürzig im Mund mit Barrique-Anklängen, feines Tannin; fein präsente Holznote im Abgang. (Rang 5)
(Heißes Jahr, viel Regen im Winter, milder Frühling, wenig Regen im Sommer bei hohen Tag- und tiefen Nachttemperaturen.)
Rancia Chianti Classico Riserva DOCG 2009
Ziemlich dunkles Rubin-Ziegelrot; verhalten würzige Nase; fast süßlicher Auftakt im Mund, balsamisch, fein, flüssig, würzig; dezente Holznoten. (Rang 6)
(Ausgeglichenes Jahr, abgesehen von heißem Sommer, aber Regen im Juni und Temperaturschwankungen Ende August.)
Rancia Chianti Classico Riserva DOCG 2005
Sehr dunkles Kirschrot; verschlossen, dann Holznoten; mittelfüllig, Reifenoten, konzentriert, Würze; Karamell im Abgang. (Rang 7)
(Kalter Winter, warmer Frühling, frischer Sommer mit Temperaturschwankungen, Entlaubung.)
Rancia Chianti Classico Riserva DOCG 1999
Dunkles Rubin-Granat; Reifenoten, Karamell, auch etwas Holz; feinflüssig mit würziger Eleganz. (Rang 4)
(Perfekter Witterungsverlauf, milder Frühling, wenig Regen, heißer Sommer (damals), frühzeitige Lese.)
Rancia Chianti Classico Riserva DOCG 1993
Dunkles Kirschrot; gereifte Holzwürze, Tabak; eher flüssig, reif und doch frisch; elegant. (Rang 3)
(Regulärer Witterungsverlauf, milder und trockener Frühling, feuchter Frühsommer und frischer Sommer.)
1993 ist die erste Weinlese und Vinifizierung unter Leitung von Giovanni Poggiali. Mit diesem Jahrgang habe ich ein paar Jahre später die begeisterten Gäste einer privaten Feier beglückt…
(Die Angaben zum Witterungsverlauf stammen – zusammengefasst – von Fèlsina.)

