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Annalisa Zorzettig: Dialektische Friaul-Weine vom Fuße der Alpen

Treffen mit WinzerInnen praktisch vor meiner Haustür sind ein willkommener Ersatz für mehrtätige Weinreisen, die ich mir aus Zeitgründen leider noch immer verkneifen muss. Wenn sich etwa Annalisa Zorzettig vom Natisone an den Arno bemüht und ihr Schaffen an der Grenze zu Slowenien buchstäblich näher bringt, kann man sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen. Von der Osteria delle tre panche auf der Dachterrasse des Hotel Hermitage schweift der Blick vom Dom über Palazzo und Ponte Vecchio bis zum Palazzo Pitti – doch das Interesse gilt Zorzettigs Kreationen der Myò-Linie.

Seit 2006 führt Annalisa die Geschicke des Weinbaubetriebs der Familie, die seit 1874 Reben pflegt, weil diese an den sanften Hügeln im Süden von Cividale del Friuli bestens gedeihen und anderes dafür kaum. Die Colli Orientiali bestehen als südlichste voralpine Ausläufer der Julischen Alpen vor allem aus Flysch, einer Mischung sedimentierter Ton- und Sandsteine, die hier „Ponca“ genannt wird. Der krümelige Boden ist gut zu bewirtschaften, aber anfällig für Erosion, der mit Terrassierung begegnet wird. Dafür ist Bewässerung selten nötig, der Untergrund reich an Mineral- und Nährstoffen und das Klima noch immer mild, weil sich warme Meeresbrisen hier mit frischen Bergwinden abwechseln.

Vielleicht es diese natürliche Dialektik, die sich in den Zorzettig-Weinen widerspiegelt, die sich durch eine verführerische Spannung zwischen frischer Frucht und eleganter Struktur auszeichnen. Letztere lässt sich auf einen behutsamen und vor allem gezielt durchdachten Holzeinsatz zurückführen – mit Ausnahme der Ribolla gialla, die sich ein Jahr lang in Stahl verfeinert. Der Friulano reift 12 Monate auf der Hefe und zur Hälfte in großen Fässern aus slowenischer Eiche, die roten Refosco und Schioppettino 18 Monate zu je einem Drittel in Barriques und Tonneaux aus französischer sowie großen Fässern aus slowenischer Eiche, der Picolit bleibt ein Jahr in Barriques aus französischer Eiche.

Der präzise Zuschnitt der Weine aus der Myò-Linie zeigt sich indessen am besten an den „Fiori di Leonie“, einer Cuvée aus Weißburgunder, Friulano und Sauvignon, die zunächst separat gelesen, vinifiziert und verfeinert werden: Der Sauvignon im Stahltank, der Friulano im großen Eichenfass (Slowenien) und der Weißburgunder in Barriques aus Eiche und Akazie (!). Nach neun Monaten kommt der Verschnitt nochmals ebenso lang in große slowenische Eichenfässer und bleibt nochmals weitere neun Monate auf der Flasche. Doch nicht erst im Keller, sondern schon in den Weinbergen bleibt nichts dem Zufall überlassen: Die dank Dauerbegrünung fast das ganze Jahr blühenden und von Enkelin Leonie geliebten Blumen sind die authentische Inspiration des Weinnamens.

„I fiori di Leonie“ sind daher weder Phantasiebezeichnung noch Marketingprodukt eines „Winemakers“, sondern das Geschöpf einer Winzerin, die mit unverkennbarer Handschrift die Natur und Kultur ihrer Lebenswelt zum Ausdruck zu bringen sucht. Wie überzeugend ihr das gelingt, lässt sich nicht nur an den Weinbewertungen ablesen, sondern zeigt sich auch im Verständnis von Nachhaltigkeit, die sich bei Annalisa Zorzettig nicht nur auf den Schutz der Umwelt, sondern auch auf die wirtschaftliche Perspektive des Unternehmens und den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft der Umgebung bezieht. Der Verzicht auf chemische Herbizide, die Umstellung von mineralischer auf Gründüngung und gezielte Maßnahmen zur Förderung von Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit zeigen auch ohne Bio-Zertifizierung Wirkung, die über die 120 Hektar Reben des Betriebs hinausweist.

Der unternehmerisch angestrebten Synthese (scheinbar) sozioökonomischer und ökologischer Widersprüche entspricht die kongeniale Verbindung (scheinbar) önologischer Gegensätze. Gemessen am Holzausbau zeigen sich die Weine nämlich überraschend frisch und mit Alkoholgehalten von 13 bis 13,5% (nur der Picolit kommt auf 14%) weder schwer noch überladen. Stattdessen trägt die solide, aber elegante Struktur das filigrane Spiel der vielschichtigen Fruchtnoten, die sich dank der bodenständigen Stabilität erst so richtig kapriziös entfalten können. In diesem Sinne empfinde ich Annalisas Kreationen als dialektische Weine, deren Synthese nicht in der völligen Aufhebung, sondern in einer spannenden Vereinigung des scheinbar Unvereinbaren besteht.

Myò Ribolla Gialla 2022

Helles Goldgelb; fruchtige, auch leicht an Brioche erinnernde Nase; feiner Fluss, gelbfruchtig, leicht salzig, auch feinherb; angenehm.

Myò I Fiori di Leonie 2022

Helles Gold- bis Strohgelb; fein-intensive Agrumenfrucht, komplex, Grapefruit; mittlerer Fluss, fruchtig, gute Säure, auch feinherbe Struktur; frisch, sehr schön.

Myò Friulano 2023

Mittleres Zitronengelb; verhaltene Agrumennoten; Mandeln eher im Gaumen, mittelflüssig, sehr trocken, ganz anders als die „Fiori“.

Myò Refosco dal Peduncolo Rosso 2020

Mittleres Rubin; kräuterig, Unterholz, dunkle Waldfrüchte, Zwetschgen, Pflaumen, auch Frische; mittelflüssig, feinherb, feines Tannin, herbfruchtig im Abgang.

Myò Schioppettino 2020

Mittelhelles Rubin; rote Wald- und sogar Himbeeren, Frische, auch feine Herbe; flüßig, gute Säure, rote Früchte, feinherb im Abgang.

Myò Picolit 2020

Kräftiges Goldgelb mit orangen Reflexen; verhalten Honig, auch tropische Früchte; feine Säure, honigfruchtig, balsamisch, dezente Süße.

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