„Es gibt keine Zufälle“: So lautet das Motto eines Ex-Kollegen. Vielleicht hat er Recht, denn vielleicht an einem solchen Zufall, der keiner ist, wenn ich seit Langem mal wieder etwas schreibe über Wein. Eigentlich schreibe ich an einem Buch, das von Filippo und Elisabetta und ihrer Ehe handelt – und dann sitze ich am Tisch mit Elisabetta und Filippo im Florentiner Wein-Restaurant „Konnubio“ („Verbindung, (Ehe)Bund“) in der Via de’ Conti, die nach der Familie der Elisabetta im Buch benannt ist… Dass ich hier sitze, muss also einen guten Grund haben – und der heißt Graziano Prà.
Wenn ein Winzer und seine Weine von ganz unterschiedlichen Verkostern mit Lob und Auszeichnungen eingedeckt werden, macht er wohl nicht bloß ganz wenig falsch, sondern sehr, sehr vieles richtig. Genau das trifft auf das Weingut von Graziano Prà in Monteforte d’Alpone zu, wo auf 40 Hektar Weinbergen in Hügellagen fünf verschiedene Soave Classico DOC und ein weißer Passito entstehen. Dazu kommen vier Rotweine von acht Hektar Weinbergen im benachbarten Valpolicella. Das Interesse gilt natürlich den Weinen, aber diesmal stehen nicht (biologischer) Anbau und (modernste) Kellertechnik im Vordergrund, sondern der Flaschenverschluss und sein Einfluss auf die Qualität des Inhalts.
Seit 2010 lässt Prà seine Weißweine sukzessive mit Drehverschlüssen versehen, angefangen beim „Otto“, dem jungen Soave Classico DOC aus 100% Garganega-Trauben. Nach und nach sind auch die anderen Soave Classico DOC in den Genuss der Aluminium-Kapsel gekommen: die ebenfalls reinsortigen Wild, Staforte und Colle Sant’Antonio sowie der Cru Monte Grande mit 30% Trebbiano di Soave. Dass ein Betrieb selbst bei seinem Spitzenprodukt und Aushängeschild auf den klassischen Korken verzichtet, ist durchaus mutig, denn noch immer rümpft ein Teil der Kundschaft bei Schraubern auf wertvollen Flaschen die Nase. Grazianos Mission ist es daher auch, Aufklärungsarbeit zu leisten.
Zu diesem Zweck tourt er durchs Land und lässt den gleichen Wein mit Kork- und Drehverschluss verkosten. Die Mühe, neben den verkapselten vom selben Tank zusätzlich eine ausreichende Anzahl verzapfter Flaschen abzufüllen, ermöglicht die Gegenüberstellung von Weinqualität und -entwicklung. Das lohnt sich nicht nur vom rein technischen Standpunkt aus. Nach nunmehr bald 14 Jahren des Vergleichens ist Graziano Prà überzeugt, „dass der Drehverschluss die beste Wahl für Ausbau und Lagerung unserer Weine ist, die beste Antwort auf unser Bestreben, langlebige, fehlerlose und elegante Weine zu erzeugen.“ Natürlich folgt dieser Überzeugung die Probe aufs Exempel auf dem Fuß, und zwar in Form des Soave Classico DOC Monte Grande 2017, einmal verkorkt und einmal verschraubt – zwei ganz verschiedene Weine, wüsste man nicht, dass es sich um ein und denselben handelt.
Soave Classico DOC Monte Grande 2017 Korkverschluss
Mittleres Goldgelb; erst verhaltene, dann gereifte, fein bis schließlich kräftig balsamische Noten; mittelflüssig, feiner Anklang nach tropischen Früchten, Komplexität, wird dichter mit Süße, aber auch guter Säure, persistent.
Soave Classico DOC Monte Grande 2017 Drehverschluss
Helles Goldgelb; frische, komplexe, blumig-fruchtige Nase; eher flüßig, frischfruchtig, direkt, Süße, auch Säure, Mineralität.
Die erste Beschreibung trifft wohl ziemlich genau das, was man sich von einem sehr guten Weißwein nach sieben Jahren erwartet, nämlich eine gewisse Opulenz der Aromen und Anzeichen von Reifung („Petrolnoten“). Nicht umsonst gibt es am Tisch Stimmen, die diesen Wein dem zweiten aktuell vorziehen. Tatsächlich scheint dieser Soave Classico auf dem Zenit seiner Entwicklung, vielleicht ist er auch schon einen Schritt weiter. Auf jeden Fall würde ich ihn jetzt trinken und nicht darauf hoffen, dass er noch besser, sondern erwarten, dass er einfach noch reifer wird.
Die zweite Beschreibung droht dagegen auf den ersten Blick beinahe zu verblassen, denn hier haben wir es mit einem noch immer jugendlichen, eleganten, ja filigranen und genau deshalb außergewöhnlichen Weißwein zu tun. Mit seiner blumigen Frische und mineralischen Feinheit ziehen viele am Tisch diesen Wein dem ersten vor – und auch, weil man gespannt ist, was er in Zukunft noch zu bieten hat. Denn dieser Soave Classico hat seinen Zenit eindeutig noch vor sich, und gerade dass niemand wissen kann, wie er sich weiter entwickeln wird, macht ja die Faszination des Weingenusses aus. Abgesehen davon ist der Trinkgenuss schon jetzt vom feinsten, wenn man sich an den zarten, fast unmerklich variierenden Nuancen im Bouquet dieses Gaumenschmeichlers laben mag.
Über subjektiven Geschmack lässt sich nicht streiten, aber kaum noch widerlegbar scheint inzwischen, dass Wein unter Drehverschluss deutlich langsamer reift als unter Korkverschluss. Das ist eigentlich nicht weiter erstaunlich, ist doch die Sauerstoffzufuhr bei der praktisch hermetischen Alu-Kunststoff-Abdichtung fast gleich Null – aber eben nicht ganz. Genau dieses minimale Mikro-Oxidation ist es, die für Graziano Prà die Schrauber zum idealen Verschluss gerade für Weine macht, die zu langer Lagerung bestimmt sind. Beim Naturkorken ist diese Oxidation viel größer, und abgesehen vom Risiko des eigentlichen Korkschmeckers werden auf diesen heute eine ganze Reihe weiterer Unreinheiten in Geruch und Geschmack des Weins zurückgeführt.
Obwohl das Argument, die Qualität hochwertiger Weine müsse zwingend durch Korkverschluss garantiert werden, also immer mehr seiner Grundlage entbehrt, sehen viele Produktionsreglemente noch immer eine Korkpflicht vor, insbesondere für ihre besten Weine. Doch seit Kurzem kommt Bewegung in die Sache: Im Frühling 2024 hat eine Gruppe von Winzern, der auch Graziano Prà angehört, ihre systematische Erweiterung und eine Kampagne zur Entrümpelung der Regularien angekündigt, und verschiedene Konsortien zeigen sich offen für eine Aufhebung oder zumindest Lockerung des faktischen „Drehverbots“.1
Der Weg ist zwar noch weit, und anders als seinen weißen Soave darf auch Graziano seinen roten Ripasso und Amarone vorläufig noch keine Schrauber aufsetzen. Beim Valpolicella und Valpolicella Superiore aber ist das inzwischen gestattet, und das Ergebnis ist mehr als überzeugend. Überhaupt zeigt sich bei allen präsentierten Weinen, dass Prà mit seinem Team nicht nur beim Verschließen, sondern auch beim Vinifizieren seiner Weine den Dreh absolut heraus hat.
Soave Classico DOC Staforte 2016
Mittleres Strohgelb; gereiftem komplexe Nase nach tropischen Früchten; dicht, kräftige Säure, auch Süße, frisch, komplex, fruchtig, schön.
Valpolicella DOC Morandina 2023
Mittleres, junges, transparentes Rubin; erst verhalten, dann feinherb-strauchige Nase; flüssig, sehr feines Tannin, feinherb, wunderbar zarte Frucht, Eleganz.
Valpolicella Superiore DOC Morandina 2020
Dunkles, leuchtendes Rubin; erst etwas unklar, dann verhalten fruchtige Noten, mit Belüftung bonbonartige, direkte Passitonoten; flüssig, sehr gute Säure, Frucht, Frische, direkt, beerenfruchtig, nicht überkonzentriert.
Amarone della Valpolicella DOCG 2017
Mittleres Rubin, intensive, etwas direkte Passitonoten, dahinter verhalten strauchige, feine Frucht, auch feinherb; mittelflüssig, sehr gute Säure, Frucht, Frische, eher verhaltene Passitonoten, ansteigende Komplexität, sehr schön.
Passito Bianco delle Fontane IGT
Helles Goldgelb; frische, zitronenfruchtige Nase; mittelflüssig, gute Säure, fein balsamisch, frisch.
1 https://www.gamberorosso.it/notizie/notizie-vino/tappo-a-vite-vino-svitati/

