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Abruzzen: Das kaum bekannte Weinparadies

Die Abruzzen kommen vor allem bei Naturkatastrophen in die Schlagzeilen: die verheerenden Erdbeben von L’Aquila (2009) und Amatrice (2016 und 2017) oder die orangengroßen Hagelkörner von Pescara (Anfang Juli 2019). Da die Wunden solcher Desaster nur sehr langsam ausheilen, entsteht der verzerrte Eindruck einer von Kalamitäten heimgesuchten Region, über die ansonsten nur wenig bekannt ist. Gerade deshalb lohnt sich eine Entdeckungsreise, zumal hier mit dem Montepulciano d’Abruzzo einer der wichtigsten italienischen Weine entsteht.

Die Gelegenheit bietet sich Ende Mai 2019, als das Schutzkonsortium der Vini d’Abruzzo zu Rundfahrten lädt – „Percorsi“ heißt denn auch die nützliche und schön gestaltete Smartphone App samt zugehöriger Website (italienisch und englisch). Nach 11 Jahren in Italien führt mich mein erster Besuch erst per Zug nach Pescara und von dort ins Hotel La Chiave dei Trabocchi bei Ortona. Trabocchi nennen sich die auf Holzpfählen errichteten traditionellen Fischerhäuschen, die sich insbesondere in diesem Streifen der Adriaküste als pittoreske Restaurants bis heute erhalten haben. Von der ausgezeichneten Küche können wir uns noch am selben Abend überzeugen: Im Trabocco Punta Cavalluccio kommt der Fisch superfrisch und entsprechend schmackhaft auf den Tisch. Die Familie Verì führt hier das Erbe von Urgroßvater Bernardo fort, der den Trabocco 1887 erbaut hat.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert sind auch die Anfänge des modernen Weinbaus in den Abruzzen anzusiedeln. Sie hängen mit der Aufteilung und Veräußerung einstiger Latifundien, Kirchen- und Staatsgütern zusammen, dank der keine Bauernbetriebe entstehen. Sie bauen vor allem Trauben an, die sie allerdings nicht selbst verarbeiten, sondern nach Norditalien verkaufen – insbesondere die Sorte Montepulciano eignet sich bestens, die dortigen Weine aufzupeppen. Reblaus, Wirtschaftskrise und die beiden Weltkriege hemmen die Entwicklung der Region bis in die 1960er-Jahre. Zwar wird inzwischen selbst Wein erzeugt, doch der ist meist dürftig und fließt offen in steigenden Mengen ebenfalls in andere Regionen ab.[1]

Nur eine Handvoll Pioniere setzt auf Qualität. Edoardo Valentini wagt als vermutlich erster, 1329 Flaschen Montepulciao d’Abruzzo des Jahrgangs 1965 abzufüllen und als „Vino a denominazione d’origine semplice“ zu etikettieren – ein Vorgriff auf die drei Jahre später offiziell eingeführte DOC. Andere wie Emidio Pepe folgen auf dem Fuß – eine letzte Flasche seines ersten Jahrgangs 1964 steht bei unseren Besuch auf dem Weingut noch (ohne Preisschild…) im Verkaufsregal! Parallel dazu knüpfen die vielen kleinen Traubenbauern ein dichtes Netz von Kellereigenossenschaften, von der Cantina Sociale San Mauro Abate di Bomba (1957) bis zum Zusammenschluss von 9 Kooperativen der Provinz Chieti zu Codice CITRA (1973).[2]

Was wie eine Abkürzung aussieht, ist in Wirklichkeit das lateinische Wort für diesseits und bezieht sich auf die 1273 von Karl I. von Anjou vorgenommene Teilung des Verwaltungsbezirks Abruzzen im Königreich Sizilien. Der König hielt den 1233 vom Stauferkaiser Friedrich II. geschaffenen Bezirk für zu groß und teilte ihn entlang des Flusses Pescara auf: Abruzzo Citra (diesseits) der Pescara im Süden deckte sich weitgehend mit der heutigen Provinz Chieti, Abruzzo Ultra (jenseits) der Pescara im Norden umfasste in etwa die heutigen Provinzen Pescara, Teramo, L’Aquila und Rieti (diese letzte im heutigen Latium).

Abruzzo Citra et Ultra – Karte aus der Geographia Blaviana von Juan Blaeu, Amsterdam (1659). (Bild: Di Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla from Sevilla, España – „Abruzzo, Citra et ultra“, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51280046)

1684 kommt es zu einer weiteren Teilung von Abruzzo Ultra in Abruzzo Ultra Prima (Teramo und Pescara) und Abruzzo Ultra Secondo (L’Aquila und Rieti). Dass nun 3 Abruzzen existieren, erklärt den ungewöhnlichen Plural „Gli Abruzzi“, der im Italienischen erst in jüngster Zeit dem Singular „L’Abruzzo“ gewichen ist, sich im Deutschen wie Französischen („Les Abruzzes“) aber bis heute hält.

„Abruzzen“ ist auch nicht, wie man vermuten könnte, der Name des Gebirges in diesem Teil des Appenins, der hier mit dem Gran Sasso (Corno Grande, 2914 m.ü.M.) und der Majella (Monte Amaro, 2795 m.ü.M.) die höchsten Spitzen der Halbinsel erreicht. Zwar verweist eine Erklärung auf das lateinische Wort abruptus für steil oder schroff, aber der Humanist Flavio Biondo (1392-1463) führt den Namen auf Aprutium zurück, mit seit dem frühen Mittelalter die einst vom italischen Volk der Praetutier besiedelte Gegend um Teramo (antiker Name Interamna Praetutiorum) bezeichnet wurde.[3] Bei den Römern soll der hier erzeugte Wein beliebt gewesen sein – Plinius der Ältere zählt den Praetutier jedenfalls im 14. Buch seiner Naturalis Historia zu den 50 besten Weinen.[4] Aktuell ist das Ursprungsgebiet „Pretuziano delle Colline Teramane DOP“ allerdings dem Olivenöl und nicht dem Wein vorbehalten.[5]

Eine andere Hypothese bezieht sich auf die Form Aperuzio, die in Dokumenten des 11. Jahrhunderts auftaucht und vom lateinischen Wort aper für Wildschwein herrühren könnte – möglicherweise ein Totemtier wie bei anderen italischen Völkern, z.B. der Grünspecht bei den Picenern (Ascoli Piceno) oder der Wolf bei den Irpinern (Irpinia). Damit wäre Apruzio/ Apruzzo also das Wildschweinland. Tatsächlich ziert ein schwarzer Wildschweinkopf auf gelbem Grund das Wappen von Abruzzo Citra (siehe Karte oben rechts, der weiße Adler auf blauem Grund repräsentiert Abruzzo Ultra bzw. L’Aquila) und noch heute das Wappen der Provinz Chieti.[6]

Rein geografisch gesehen zählen die Abruzzen eigentlich zu Mittelitalien, doch politisch gehörten sie ab 1143 bis zur italienischen Einigung 1861 mehr als sieben Jahrhunderte lang zu den süditalienischen Königreichen Sizilien, Neapel (ab 1302) und beider Sizilien (ab 1816). Aufgrund der kulturellen Einflüsse dieser Oberherrschaft kann die Region somit als die nördlichste des Mezzogiorno gelten.

Tatsächlich bildete sich in diesem Raum nie ein eigenständiger Stadt- oder Territorialstaat aus wie etwa in Venetien oder in der Toskana. Vielmehr waren die Abruzzen im Hochmittelalter in zahlreiche Klosterherrschaften fragmentiert. Was der politischen Einheit hinderlich war, wirkte sich auf den Weinbau positiv aus, der vor allem von Mönchen des Benediktinerordens gefördert wurde.

In der Abbazia di Propezzano in Morro d’Oro bei Teramo hat die Familie von Paolo Savini de Strasser dieses Erbe gleich doppelt wiederbelebt. Zum einen sind nach der bereits vor einigen Jahrzehnten restaurierten Klosterkirche nun auch die übrigen Gebäude samt Kreuzgang an der Reihe, zum anderen wird in den altehrwürdigen Klostermauern selbst moderner Wein erzeugt. Paolo de Strasser setzt nämlich vor allem auf reinsortige Stahltankweine aus autochthonen Sorten. Entsprechend zeigt sich der MAb 2018 (Montepulciano d’Abruzzo) noch ziemlich verschlossen, aber mit einer gewissen molligen Süße und strauchig-herben Noten, was sich als sortentypisch erweisen wird. Einladender kommt der PEC 2017 (Pecorino) daher, mit Heu und Goldmelisse in der Nase sowie Honignoten im Mund. Die Stilistik dieser Linie gefällt gut und jedenfalls deutlich besser als der etwas gar holzgeprägte Montepulciano d’Abruzzo Colline Teramane DOCG 2014.

Die Verkostung findet passenderweise im Refektorium, dem Speisesaal des Klosters statt und umfasst neben den hauseigenen auch Weine kleiner, meist junger Winzer aus der näheren und weiteren Umgebung.[7] Dass sie sich bei ihm präsentieren können, ist ein schöner Zug von Paolo de Strasser – auch wenn ich so zwischendurch etwas den Überblick verliere. Das liegt aber mehr an den Fresken aus dem 16. Jahrhundert, die das Refektorium schmücken und unter anderem die Legende der Klostergründung abbilden.[8]

3 deutsche Pilger beim Aufhängen eines Reliquien-Säckchens, das sogleich vom wachsenden Zweig in die Höhe getragen wird, wie einer offenbar bemerkt. Fresko (Ausschnitt) im Refektorium der Abbazia di Propezzano, Morro d’Oro (TE). (Bild: MB)
Abendmahl-Fresko im Refektorium der Abbazia di Propezzano, Morro d’Oro (TE). Das Besondere an dieser Darstellung eines nicht benannten Meisters von 1597 besteht darin, dass die Apostel nicht hinter einem rechteckigen (wie bei Leonardo Da Vinci), sondern um einen runden Tisch herum sitzen. (Bild: MB)

Nach soviel Geschichte und Kultur kommt der Kontrast mit der nur einen Katzensprung von der mittelalterlichen Abtei entfernten Fattoria Nicodemi in Notaresco durchaus gelegen. Die Kellerei wirkt geradezu nüchtern-funktional, doch von der Terrasse der Kellerei wie aus dem darunter liegenden, verglasten Verkostungsraum schweift der Blick über das hübsche kleine Tal mit Weinbergen, Wäldchen und kleinem Stausee.

Der Blick von der Terrasse der Kellerei Nicodemi auf diese idyllische Landschaft beruhigt die Augen. (Bild: MB)

Vor 20 Jahren haben die Geschwister Elena und Alessandro Nicodemi begonnen, auf dem Gut ihrer Großmutter ihr eigenes kleines Paradies aufzubauen. Es mag ihrer urbanen Prägung geschuldet sein, dass dieser Garten Eden von den Weinbergen über die Kellerei bis zu den Etiketten und Weinen so sauber, gepflegt und schnörkellos daherkommt. Nicht die Architektur, aber das Konzept erinnert irgendwie an Bauhaus und vermittelt folglich eine weniger in der Tradition verwurzelte, als in der Moderne verankerte Poesie, Emotionalität und Leidenschaft.

Das Ergebnis ist so durchdacht wie konzentriert: 2 Rebsorten, 3 Anbaugebiete, 3 Linien, 6 Weine.[9] Schön sind vor allem die vorwiegend aus dem Stahltank stammenden, sehr fruchtbetonten und „direkten“ Weine der „Le Murate“-Linie: Der Trebbiano d’Abruzzo DOC 2018 mit seiner frischen, honigfruchtigen Nase, der feinwürzig-pfeffrige Cerasuolo d’Abruzzo DOC 2018 und der etwas üppige, bonbonfruchtige Colline Teramane Montepulciano d’Abruzzo DOCG 2017.[10] Komplexer kommen die beiden Weine der „Notàri“-Linie daher: der Trebbiano d’Abruzzo DOC Superiore 2017 mit balsamischen Honig- und feinen Blütennoten sowie der in Tonneaux ausgebaute Colline Teramane Montepulciano d’Abruzzo DOCG 2016 mit überraschend intensiver Brombeerfrucht. Eindeutig für Liebhaber stark holzgeprägter Weine eignet sich schließlich der Colline Teramane Montepulciano d’Abruzzo DOCG Riserva 2014, der 16-18 Monate im Barrique verbringt.

Es fällt auf, dass Nicodemi nur Colline Teramane Montepulciano d’Abruzzo DOCG und keinen Montepulciano d’Abruzzo DOC erzeugt. Dieser Entschluss hängt vor allem damit zusammen, dass für die DOC die Abfüllung im Produktionsgebiet bislang nicht vorgeschrieben ist. Tatsächlich wird laut Schätzungen noch immer deutlich mehr als die Hälfte des Montepulciano d’Abruzzo DOC offen an Großbetriebe außerhalb der Region verkauft und von diesen abgefüllt und vermarktet, auch wenn die Tendenz rückläufig zu sein scheint.[11] Für die DOCG hat das von Alessandro Nicodemi präsidierte Schutzkonsortium hingegen 2016 beim Landwirtschaftsministerium die Abfüllpflicht im Produktionsgebiet beantragt – gleichzeitig mit seiner Aufwertung gegenüber der Traubensorte dadurch, dass „Colline Teramane“ in der Bezeichnung neu „Montepulciano d’Abruzzo“ vorangestellt wird, was als Übergangsregelung bereits wirksam ist.[12] Dies unterstreicht, dass man bei Nicodemi konkrete Ziele, eine klare Linie und eine in sich stimmige Weinphilosophie verfolgt.

Nach dem kurzen Exkurs in Produktionsgebiete ist es höchste Zeit für einen Überblick über Abruzzens Weingeographie. Fast zwei Drittel der Region sind gebirgig, gut ein Drittel ist Hügelland und damit für den Weinbau bestens geeignet. Er wird war auch in den Hochtälern zwischen Sulmona, Popoli und Ofena, aber vorwiegend auf den östlichen Ausläufern des Appennins zur Adriaküste betrieben.[13] Dieser nur 20-40 Kilometer breite Landstrich ist gegen Westen durch die Berge geschützt, wird von der Adria im Osten mit frischen Meeresbrisen versorgt und bietet ein unerwartet spektakuläres Ambiente.

Mit 32’355 ha Weinbergsfläche (2017) stehen die Abruzzen in Italiens Regionsrangliste an 7. Stelle, bei der Produktion nehmen sie mit einem Jahresdurchschnitt von knapp 3 Mio. hl sogar den 5. Platz ein.[14] Da in ertragreichen Jahren nach wie vor viel gewöhnlicher Wein gekeltert wird, schwankt der Anteil von Weinen mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung (DOC und DOCG) erheblich, obwohl die Erzeugung mit etwas mehr als 1 Mio. hl ziemlich stabil ist.

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Quelle: Federdoc VQPRD 2010-2018. Der Cerasuolo d’Abruzzo wird seit 1968 als Typologie des Montepulciano d’Abruzzo DOC erzeugt und ist ab Jahrgang 2010 als eigenständige DOC anerkannt.

Drei Viertel davon macht der rote Montepulciano d’Abruzzo DOC aus, weitere 6-7% entfallen auf den aus derselben Sorte als Rosé gekelterten Cerasuolo d’Abruzzo DOC und 16-17% auf den weißen Trebbiano d’Abruzzo DOC. Die übrigen, erst vor wenigen Jahren geschaffen Ursprungsgebiete fallen mengenmäßig bislang zwar nicht ins Gewicht, nehmen aber langsam an Bedeutung zu. Ihre Existenz gründet sich nicht auf anderen Rebsorten, der Montepulciano d’Abruzzo dominiert auch hier. Es macht vielmehr den Eindruck, als wollten sich die Winzer mit einer anderen Ursprungsbezeichnung von der Masse des Montepulciano d’Abruzzo DOC abheben.

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Quelle: Federdoc VQPRD 2010-2018.

In der Tat werden jedes Jahr gegen 90 Millionen Flaschen Montepulciano d’Abruzzo DOC abgefüllt. Damit zählt er 5 flaschenstärksten Ursprungsgebieten Italiens und spielt – hinter dem Überflieger Prosecco DOC mit weit über 400 Millionen Flaschen – in derselben Liga wie Chianti DOCG, Asti DOCG und Conegliano Valdobbiadene Prosecco DOCG.[15] Wenn aber wirklich über 50% dieses Weins außerhalb der Region abgefüllt wird, kommt die damit erzielte Wertschöpfung bei den Abruzzen-Winzern nicht an. Dazu kommt, dass die von Großabfüllern zu Ramschpreisen im In- und Ausland vermarkteten minderwertigen Montepulciano das Image dieses Weins beschädigen.

Abruzzen: Kontrollierte Ursprungsgebiete und autochthone Hauptsorten

Jahr

Ursprungsgebiet

Typ

Hauptsorte

Minimum

1968

Montepulciano d’Abruzzo DOC

R

Montepulciano

85%

1972

Trebbiano d’Abruzzo DOC

W

Trebbiano

85%

1996

Controguerra

W S

Trebbiano

Passerina

50%

10%

R RS

Montepulciano

70%

2003

Montepulciano d’Abruzzo

Colline Teramane DOCG

R

Montepulciano

90%

2008

Terre Tollesi / Tullum

W S

Trebbiano

75%

R

Montepulciano

90%

2010

Cerasuolo d’Abruzzo

RS

Montepulciano

85%

2010

Abruzzo DOC

W S

Trebbiano

50%

R RS S

Montepulciano

80%

2011

Ortona DOC

W

Trebbiano

70%

R

Montepulciano

95%

2011

Villamagna DOC

R

Montepulciano

95%

Quelle: Produktionsreglemente, Stand Juli 2019. R=Rot, W=Weiß, RS=Rosé, S=Schaum

Es lässt sich deshalb leicht nachvollziehen, weshalb vor rund zehn Jahren eine ganze Reihe neuer Anbaugebiete in den Abruzzen entstanden ist. Der Blick auf die Produktionsentwicklung weckt allerdings Skepsis, ob diese Diversifizierung das richtige Mittel zur Lösung der Probleme darstellt. Möglicherweise besäße eine Bündelung der Kräfte auf den Montepulciano d’Abruzzo DOC eine weitaus größere Durchschlagskraft?

Es dürfte zwar äußerst schwierig werden, die Pflicht zur Abfüllung im Produktionsgebiet gegen die mächtigen außerregionalen Großabfüller durchzusetzen, aber das muss ja nicht der einzige Ansatzpunkt bleiben. Wie wäre es denn mit einer Qualitätsoffensive durch Reinsortigkeit? Der Montepulciano dominiert in allen Produktionsreglementen, aber keines schreibt seine Verwendung zu 100% vor. Praktisch alle neuen Ursprungsgebiete gehen mit 90% oder gar 95% in diese Richtung – hatte man vielleicht plötzlich Angst vor dem eigenen Mut zur Reinsortigkeit?

Argumente dagegen gibt es durchaus. So sind die Weine der neuen Ursprungsgebiete mit den strengsten Vorgaben absolute Nischenprodukte, während der Abruzzo DOC, der die beiden klassischen Ursprungsgebiete mit tieferen Standards unterfüttert, mengenmäßig bislang am erfolgreichsten ist. Auf die 90 Millionen Flaschen Montepulciano d’Abruzzo DOC angewendet, hätte Reinsortigkeit aber sicher einen ganz anderen Effekt – vorausgesetzt, man ist von der Sorte selbst auch wirklich überzeugt. Doch gerade die Qualität der Montepulciano-Traube erscheint manchen nicht über jeden Zweifel erhaben.

Das hat neben Image- auch historische Gründe. Anders als beispielsweise beim Prosecco wirkt sich die Massenproduktion auf das Ansehen des Montepulciano d’Abruzzo nach wie vor negativ aus. Auch der immer wieder aufkommende Verdacht, er werde insbesondere mit toskanischen Weinen gepanscht, um diesen mehr Farbe und Süße zu verleihen, ist seiner Reputation nicht förderlich. Dem liegt allerdings die notorische Verwechslung mit dem Sangiovese und insbesondere mit dem Vino Nobile di Montepulciano zugrunde.

Dass dieses Ursprungsgebiet im Südosten der Toskana denselben Namen wie die wichtigste Traubensorte der Abruzzen trägt, hat in der Vergangenheit sogar zu Rechtsstreitigkeiten geführt.[16] Zur besseren Unterscheidbarkeit sollen Vino Nobile di Montepulciano DOCG sowie Rosso und Vin Santo di Montepulciano DOC in Zukunft die Zusatzbezeichnung „Toscana“ tragen.[17] An sich wäre der Verwirrung auch einfach durch die Information zu begegnen, dass der Vino Nobile hauptsächlich aus Sangiovese und der Montepulciano aus ebendieser Sorte erzeugt wird. Doch wieso trägt die Traubensorte eigentlich den Namen des toskanischen Städtchens?

Ironischerweise dürften dafür die Toskaner selbst verantwortlich sein, die den Montepulciano wahrscheinlich auch in die Abruzzen eingeführt haben. 1579 erwarb Francesco de’ Medici, Großherzog der Toskana, von Costanza Piccolomini die Markgrafschaft Capestrano und das Baronat Carapelle Calvisio, die als Stati Medicei im Herzen der Abruzzen bis 1743 Bestand hatten. Francesco wies den eingesetzten Regenten Gentile Acciaiuoli brieflich an, in Capestrana eine Kellerei zu bauen und Behälter für die Weinlagerung vorzubereiten. Man kann davon ausgehen, dass die Medici-Verwalter Rebstöcke aus Montepulciano in die Gegend brachten, um den Weinbau zu entwickeln. Um welche Sorten es sich dabei handelte, ist allerdings nicht bekannt.[18]

Die Stati Medicei bei L’Aquila in den Abruzzen: Markgrafschaft Capestrano und Baronat Carapelle Calvisio.[19] Erarbeitet mit Hilfe der Radfahrerkarte von © OpenStreetMap-Mitwirkende (Tiles courtesy of Andy Allan).

1695 berichtet Giovan Battista Pacichelli, der als Inspektor in den benachbarten Stati Farnesiani unterwegs war, von einem Grafen Bardi, der in Capestrano „mit Weinen hantiert, die den Verde und Montepulciani ziemlich ähnlich sind und die er in Rom und Florenz gratis absetzt“. Bei dem Grafen handelte es vermutlich um ein Mitglied der berühmten Florentiner Kaufmannsfamilie, die in den Abruzzen damals sehr aktiv war. Bemerkenswert aber ist vor allem, dass er neben den Verde, mit denen wahrscheinlich Weißweine gemeint sind, auch von den Montepulciani im Plural spricht. Offenbar wurden also verschiedene Weine erzeugt, die denen aus Montepulciano ähnlich waren, und dies sehr wahrscheinlich aus verschiedenen ursprünglich von dort stammenden Rebsorten. Mit diesen hat man offenbar experimentiert und das Resultat in Musterflaschen kostenlos zur Degustation durch Weinkenner nach Rom und Florenz geschickt.[20]

1793 erwähnt der kalabresische Aufklärer Michele Torcia in einem Reisebericht über die Abruzzen erstmals den „Monte-pulciano“ im Singular, den er nun ohne weiteres als eigenständige Rebsorte erkennt. Notariatsakten aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts belegen schließlich seine weitere Ausbreitung in den Abruzzen: Die Pachtverträge enthalten oftmals die Verpflichtung, Reben aus guten Sorten wie „Monte Polciano“ zu pflanzen.[21]

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Medici ursprünglich wohl eine Auswahl an Rebsorten aus Montepulciano in ihre Ländereien in den Abruzzen bringen ließen, dass eine davon dort offensichtlich ihr bevorzugtes Habitat vorfand und unter dem Namen Montepulciano schließlich die ganze Region eroberte. Dabei hat sie sich dem Lebensraum zweifellos angepasst, der sich durch ein mildes Klima mit ausreichend Sonnenschein und Niederschlag auszeichnet.

Ebenso gefällig erscheint der Montepulciano d’Abruzzo: oft von violett-rubinroter Farbe, etwas strauchigem, verhalten dunkelfruchtigem Duft und mollig-süßlich-würzigem Geschmack, eckt er in aller Regel nicht an, was ihm zu Unrecht den Vorwurf mangelnden Charakters eingetragen hat. Wem das Tannin des Sangiovese zu spröde, der Alkohol des Sagrantino zu opulent oder die Säure des Nebbiolo zu spitz ist, der wird am Montepulciano seine Freude haben. Sein Charakter ist die Ausgewogenheit, und genau dafür lieben ihn so viele Weinfreunde auf der ganzen Welt.

Angesichts der idealen Bedingungen, die der Montepulciano in den Abruzzen vorfindet, überrascht der vergleichsweise noch bescheidene Bio-Anteil. Mit rund 4000 Hektar (12,2%) steht die Region nur an 9. Stelle und wird vom nördlichen Nachbar Marken (30,9%), der Toskana (22,8%) und sogar der Lombardei (15,8%) übertrumpft.[22] In der Provinz Chieti, wo drei Viertel der Rebberge, könnten die Anstrengungen im biologischen Weinbau durchaus verstärkt werden, denn in den Provinzen Pescara und Teramo sieht es etwas anders aus.

So sind beispielsweise die Weine von Nicodemi zwar (noch) nicht biozertifiziert, aber die Weinberge werden biologisch bewirtschaftet. Bei La Valentina in Spoltore (PE) sind es (noch) nicht alle, aber auch im konventionellen Anbau wird der Einsatz von Chemie generell reduziert und auf Herbizide ganz verzichtet. Darüber hinaus wird der Gesamtschwefelgehalt im Wein auf 80 mg/l begrenzt. Aus der Linea Classica kommt der Trebbiano d’Abruzzo DOC 2018 eher leicht und mit feinem Zitrusduft daher, während sich der Montepulciano d’Abruzzo DOC 2016 durch Johanisbeere und gute Säure auszeichnet. Aus der Linea Terroir überzeugt vor allem der Cerasuolo d’Abruzzo DOC 2018 Spelt mit seiner feinwürzigen Erdbeernase und seinem abwechselnd süßlich-bitteren Gaumenspiel. Auch der Montepulciano d’Abruzzo 2015 Spelt ist mit seinem strauchig-waldbeerigen Duft und feinem Gaumenfluß schön zu trinken. Seine älteren Brüder, die Bellovedere und Binomio sind allerdings etwas gar stark vom Holz geprägt.

Überall wird betont, dass man den Weinbau mit Respekt vor und Rücksicht auf die Natur betreibt, dass man möglichst natürliche, naturnahe, ja Naturweine erzeugen möchte. Dieser Anspruch geht über zertifizierten biologischen Landbau und Biowein deutlich hinaus, orientiert sich nicht selten an Biodynamik und setzt einen radikalen Gegenpol zur industriellen Weinproduktion mit hohem Chemie- und Technikeinsatz in Rebberg und Keller. Diese Stoßrichtung ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, doch der Haken an der Sache ist, dass es im Unterschied zum Biowein keine gesetzlich verbindlichen Standards und Zertifizierungen für „Naturwein“ gibt.

Mein größtes Problem mit Naturwein ist jedoch, dass damit leider viel zu oft grob fehlerhafte Weine schöngeredet werden. Wenn eine stinkende und kaum zu trinkende Flüssigkeit bewusst als „eben anders“, weil angeblich „naturbelassen“ gepriesen wird, ist das für mich pure Esoterik. Entsprechend wundere ich mich, wie einige Weine die ansonsten doch so pingeligen Kontrollen der Verkostungskommissionen des jeweiligen Produktionsgebietes überstehen konnten.

Dass es auch einwandfrei geht, stellt Naturwein-Pionier Emidio Pepe in Torano Nuovo (TE) seit 1964 unter Beweis. Seine Weine sind anders, gewiss, aber eben doch sauber vinifiziert. Der inzwischen 87 Jahre junge Emidio  richtet sein Wort sofort an mich, als er mich die verglasten Zementtanks in seiner Kellerei fotografieren sieht: „Das sind die besten Behälter, um Wein wirklich lange reifen zu lassen, nicht etwa Stahl oder Holz.“

In diesen Behältern entsteht langlebiger Naturwein: Modernste, innen verglaste Zementtanks im Keller von Emidio Pepe. (Bild: MB)
In solchen doppelbödigen Holzwannen werden die Trebbiano-Trauben bei Emidio Pepe mit den Füßen gestampft: Der Beerensaft fließt durch die Spalten im Oberboden nach unten durch und wird so schonend von den oben bleibenden Beerenhäuten und Stielen getrennt. (Bild: MB)
Durch diese grünen, in Holzrahmen gespannten Gittern werden die Montepulciano-Trauben mit den Händen entrappt: Der Saft und die fast unversehrten Beeren fallen nach unten, die Stiele bleiben oben. (Bild: MB)

Pepe macht Naturwein und nutzt dabei Technologie aus der Zeit der industriellen Massenproduktion. Gleichzeitig setzt er bei der Kelterung auf archaisch anmutende Methoden: Der weiße Trebbiano wird in einer doppelbödigen Holzwanne gestampft, der rote Montepulciano auf einem Metallgitter von Hand entrappt.[23] Pepe’s Weinphilosophie ist ein Synkretismus von Tradition und Moderne und damit so unideologisch wie zeitgemäß.

Das Ergebnis sind sehr spezielle, eingangs gewöhnungsbedürftige, aber zweifelsohne spektakuläre Weine. Die Weißweine (Pecorino Colli Aprutini IGT 2016 und Trebbiano d’Abruzzo DOC 2013) kommen beispielsweise nicht wie üblich betont frischfruchtig, sondern mit nicht alltäglichen Heu- und Teenoten und einer seltsam exotischen Aromatik im Gaumen daher. Auch Pepe’s Montepulciano d’Abruzzo DOC sind keine Fruchtbomben, sondern zeichnen sich eher durch feinherbe Würzigkeit aus. Das erinnert irrtümlicherweise an Holzausbau und ist doch so viel komplexer als beispielsweise die im Vergleich dazu geradezu eindimensionale Tonneaux-Aromatik.

Der Meister des Naturweins: Emidio Pepe. (Bild: MB)

Der 2015er verfügt über eine gute Säure und feine, dunkelbeerige Frucht, die sich beim 2010er dezent hinter dem intensiv- herbwürzigen Duft verbirgt. Im Gaumen sind diese Weine nicht mollog oder gar dicht, sondern erstaunlich flüssig, und sie werden mit zunehmendem Alter erstaunlicherweise immer feiner und eleganter, wie der fast schon filigrane 2001er. Irgendwann entwickeln sie dann völlig unerwartete Sekundäraromen wie beim ziegelroten 1983er mit seiner umwerfenden Tabaknase – sicher kein Easy Drinking, sondern ein phantastischer Meditationswein, der sich ohne begleitende Zigarre selbst genügt.

Der Erfolg des Ausnahmekönners Emidio Pepe wäre kaum denkbar ohne die Unterstützung seiner Frau Rosa und seiner Töchter Sofia und Daniela, die sein Lebenswerk unter seinen wachen Augen bereits weiterführen. Dass es in den Abruzzen noch zahlreiche andere, noch zu entdeckende Talente gibt, zeigt eine große Verkostung im Panoramasaal der Villa Estea in Torino di Sangro (CH) mit bezauberndem Blick auf’s Meer. Hier ein Auswahl an Weinbaubetrieben, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind: Catina Terzini, Cantina Tilli, Cantina Tollo, Cantina Villamagna, Tenuta Tre Gemme, Torre dei Beati

Bild

[1] Giavedoni, Fabio (Hg.): Montepulciano d’Abruzzo. Un grande Vino. Bra: Slow Food 2014, S. 12-14.

[2] Giavedoni, Fabio (Hg.): Montepulciano d’Abruzzo. Un grande Vino. Bra: Slow Food 2014, S. 14-15.

[3] Lehmann-Brockhaus, Otto: Abruzzen und Molise. Kunst und Geschichte. München (Prestel) 1983 (Römische Forschungen der Bibliotheca Hertziana, 23), S. 17. (Online-Edition der Bibliotheca Hertziana, Rom: http://db.biblhertz.it/abruzzo/index-de.xml, abgerufen am 14.7.2019)

[4] Gaius Plinius Secundus: Naturalis Historia, Liber XIV, VIII [67]. (https://la.wikisource.org/wiki/Naturalis_Historia/Liber_XIV#VIII, abgerufen am 14.7.2019)

[5] https://www.qualigeo.eu/prodotto-qualigeo/pretuziano-delle-colline-teramane-dop-olio-evo/

[6] Cercone, Franco: Storia della vite e del vino in Abruzzo. Lanciano: Rocco Carabba 2008, S. 6.

[7] Hier eine – leider unvollständige – Liste von Links:
https://www.vinilaquercia.it
http://www.fattoriagiuseppesavini.it
http://www.cerullispinozzi.it
https://www.facebook.com/inaltovinidalturadiadolfodececco/
http://www.nictartaglia.com/de/

[8] Diese besagt, dass 3 deutsche Pilger auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land just am 10. Mai 715 und exakt an dieser Stelle eine Rast einlegten. Als sie ihre mit Reliquien gefüllten Säckchen  in die Bäume hängten, begannen die Zweige in die Höhe zu wachsen und trugen die Taschen außer Reichweite. Die 3 Pilger erschraken, riefen Gott um Hilfe an und verfielen in tiefen Schlaf. Im Traum erschien ihnen die Madonna und bat sie, hier eine ihr geweihte Kirche zu bauen (Santa Maria di Propezzano, von propizio = den Armen wohlgesonnen). Kaum erwacht, errichteten die 3 Pilger einen Altar, worauf sich die Baumzweige wieder auf ihr natürliches Maß zurückbildeten und die Pilger ihrer Taschen samt Reliquien wieder habhaft werden konnten.
http://www.tesoridabruzzo.com/abbazia-di-santa-maria-di-propezzano-quando-la-realta-si-intreccia-con-la-leggenda/
https://www.valledelleabbazie.it/project/santa-maria-di-propezzano/

[9] Mit dem sich noch in der Experimentierphase befindenden Trebbiano d’Abruzzo aus der modernen Amphore sind es 7.

[10] 30% dieses Weins absolviert die malolaktische Gärung während 4 Monaten in gebrauchten Barriques.

[11] http://www.abruzzoweb.it/contenuti/vino-limbottigliamento-fuori-regione–si-dimezza-si-punta-a-moltiplicare-doc/595152-10/

[12] Gazzetta Ufficiale Nr. 104, 5.5.2016, S. 59-62; Gazzetta Ufficiale Nr. 187, 11.8.2016, S. 82.

[13] https://www.federdoc.com/vini-a-d-o/abruzzo/

[14] 2013-2017, inkl. Most; UIV: Vino in cifre, Il Corriere Vinicolo, April 2019, S. 31 und 34.

[15] UIV: Vino in cifre, Il Corriere Vinicolo, April 2019 (für 2017), S. 37 und April 2018, S. 41 (für 2016).

[16] http://www.ilcentro.it/pescara/montepulciano-sfida-vinta-con-la-toscana-1.1969809

[17] https://www.consorziovinonobile.it/News/ITA/376/Vino-Nobile-di-Montepulciano-Toscana-presto-in-etichetta

[18] Cercone, Franco: Storia della vite e del vino in Abruzzo. Lanciano: Rocco Carabba 2008, S. 110-111.

[19] Cercone, Franco: Storia della vite e del vino in Abruzzo. Lanciano: Rocco Carabba 2008, S. 111, Abb. 6.

[20] Cercone, Franco: Storia della vite e del vino in Abruzzo. Lanciano: Rocco Carabba 2008, S. 112-115.

[21] Cercone, Franco: Storia della vite e del vino in Abruzzo. Lanciano: Rocco Carabba 2008, S. 90-91.

[22] UIV: Vino in cifre, Il Corriere Vinicolo, April 2019, S. 59.

[23] Eindrückliche Videos zeigen dieses handwerkliche Vorgehen in Aktion: https://www.emidiopepe.com/it-filosofia/

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