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Montefalco Sagrantino (2): Von Autarkie und Geduld

Der erste Teil der Erfolgsgeschichte endete mit einem vorläufigen Höhepunkt: 1925 präsentierte die Kellerei Scacciadiavoli an der Weinausstellung in Montefalco erstmals zwei trockene Sagrantino der Jahrgänge 1921 und 1924.⁠1 Bis dahin wurde Sagrantino nur zu wichtigen Anlässen (Hochzeiten, Geburten, Taufen) und an Festtagen (Ostern, Fest der Stadtpatronin Santa Chiara am 17. August) als Passito getrunken, einem restsüßen Wein, der durch das Antrocknen der Trauben auf Strohmatten (Appassimento) gewonnen wird. Ansonsten wurde die farb-, aroma- und gerbstoffreiche Sorte vor allem zur Verbesserung karger Rotweine verwendet.

Reinsortig galt der Sagrantino hingegen als zu spröde, um daraus ansprechende Tischweine keltern zu können. Dass es der Kellerei offensichtlich trotzdem gelungen war, musste den mehr als 5000 Besuchern der Ausstellung als kleine Sensation erscheinen. Auch der Ort solcher Innovation konnte bei einer Besichtigung bestaunt werden: In der 1884 vom Fürsten Ugo Boncompagni-Ludovisi erbauten Kellerei setzten inzwischen elektrisch angetriebene Maschinen neue Maßstäbe moderner, rationaler Weinerzeugung.

Allerdings steht Scacciadiavoli auch emblematisch dafür, wie der Fortschritt durch dessen Förderer unter dem Faschismus abgewürgt wurde. Vittorio Rolandi Ricci, der den Betrieb 1918 erworben hatte, entstammte einer reichen Grundbesitzerfamilie aus Albenga in Ligurien. Nach dem Rechtsstudium in Genua wurde er um die Jahrhundertwende zu einem der erfolgreichsten Wirtschaftsanwälte Italiens, der geschickt lukrative Geschäfte zwischen Geldgebern, Banken und Schwerindustrie vermittelte. Als Berater des Stahlwerks in Terni kam er mit Umbrien in Kontakt, als Verwaltungsrat der Minengesellschaft Elba wandelte er auf den Spuren der Ahnen des Fürsten Ugo.

Vittorio Rolandi Ricci: Vom liberalen Visionär in Montefalco zum faschistischen Reaktionär am Gardasee. (Bild: Wikipedia Public Domain)

1912 wurde er zum Senator des Königreichs ernannt und schloss sich den Liberaldemokraten an. Doch 1925 trat er dem Partito nazionale fascista bei, nachdem er schon zwei Jahre zuvor im Senat die Regierung Mussolinis unterstützt hatte. Dem Duce schwor er noch nach dessen Sturz persönliche Treue und wurde ab November 1943 zu einem seiner engsten Berater. Dass er sich der Repubblica di Salò anschloss, für die er sogar eine Verfassung entwarf, sollte ihn sein Senatorenamt kosten. 1945 stellte er sich dem Befreiungskomitee in Mailand, wurde wegen Kollaboration verurteilt, kam jedoch 1946 im Zuge der Amnestie wieder frei und starb 1951 in Rom. Heute würde man diesen steinreichen und einflussreichen Mann vielleicht als „Oligarchen“ bezeichnen, der nach dem Marsch auf Rom aufs falsche Pferd setzte: Hätte er sich doch bloß nicht dem Faschismus, sondern dem trockenen Sagrantino verschrieben…

Weinqualität hatte für Mussolinis Regime nämlich keine Priorität. Ideologie und Isolation machten vielmehr Autarkie zum obersten Ziel der faschistischen Agrarpolitik. Deshalb wurde 1925 in Montefalco auch der Propagandafilm „La battaglia del grano“ (Die Weizenschlacht) vorgeführt, obwohl die Ausstellung ja dem Wein gewidmet war. Dieser sollte jedoch in den kommenden Jahren real immer mehr an Bedeutung verlieren. So sollte sich die Weinerzeugung Umbriens, die 1923 mit mehr als 1,8 Millionen Hektolitern einen Höchststand erreicht hatte, im Schnitt der 1930er-Jahre praktisch halbieren. Dazu trugen zwar Klima-Ereignisse wie der schwere Frost 1929 ihren Teil bei, aber die Regierung tat aus reaktionärer Überzeugung nichts, um die armen Bauern finanziell zu unterstützen. Zwar wurde die Gründung von Kellereigenossenschaften, die Schaffung offizieller Anbaugebiete (Orvieto 1931) oder die staatliche Rebschule in Papiano gefördert, doch ging es dem faschistischen Regime dabei in erster Linie um die Kontrolle und Disziplinierung der Akteure des Weinsektors. Auch das von Mussolini ab 1930 angeordnete jährliche „Festa dell’uva“ (Traubenfest) diente vorab der agrarisch-traditionalistischen Propaganda des Faschismus und sollte in Wirklichkeit den Anbau von Tafeltrauben steigern. Das änderte freilich nichts daran, dass Einkommen und Kaufkraft der Bevölkerung und mit diesen auch die Weinpreise und der Weinkonsum dramatisch einbrachen. Viele der kleinen Familienbetriebe, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden waren, mussten schließen.

Unter diesen Voraussetzungen war an Investitionen in die Verbesserung der Weinqualität nicht zu denken, allenfalls konnte man das erreichte Niveau halten. Der Faschismus hat die Entwicklung des Weinbaus also nicht gefördert, wie noch heute kolportiert wird, sondern zum Stillstand gebracht – nicht nur in Umbrien, sondern in ganz Italien. Ein Jahrbuch für Montefalco aus der Mitte der 1930er-Jahre belegt dies eindrücklich. Darin sind als Bezugsquellen für Wein neben den „Grossisten“ Fratelli Pardi gerade mal fünf „Produzenten“ aufgeführt: Rolandi Ricci, Fratelli Alessandrini, Americo Camilli, Prosperini Merlini und Fratelli Spacchetti.⁠2 Bei den Letztgenannten handelt es sich gleich in mehrfacher Hinsicht um einen „typischen Sonderfall“.

Mitte der 1930er-Jahre gab es für den Weinkauf in Montefalco gerade mal sechs Adressen. (Bild: Markus Blaser)

Settimio Spacchetti gründet seinen Agrarbetrieb 1935 mitten in der wirtschaftlichen Stagnation. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Perspektiven in der Landwirtschaft für seine beiden heranwachsenden Söhne nicht rosig. Eliseo findet als Agronom einen Job in der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln, Lamberto verbringt als Offizier der italienischen Marine einen großen Teil seines Lebens auf den Weltmeeren. Als es ihn von der hohen See wieder nach Umbrien zieht, heuert er zunächst bei Antonelli an. Den väterlichen Landwirtschaftsbetrieb übernehmen die Brüder erst 1997. Nach Neupflanzungen kommen um die Jahrtausendwende die ersten eigenen Flaschen auf den Markt. Heute verfügt das Weingut Colle Ciocco auf dem gleichnamigen „Hügel des Olivenabaumstumpfs“ vor den Toren Montefalcos über 22 Hektar Reben und Olivenhaine in Pietrauta und Cortignano. Tochter Silvia studiert zwar noch in Berlin, wird aber hoffentlich nach und nach in die Fußstapfen treten.

Besonders ist an diesem Beispiel, dass die Familie Spacchetti zwar nicht zum alten Adel, aber zu den historischen Familien Montefalcos vom Land zählt: Ihre Herkunft aus dem Ortsteil Turrita lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Typisch ist, dass eine Generation die einst mausarme Gegend verlassen muss, aber Jahrzehnte später zurückkommt und dem Weinbau neue Impulse verleiht – ein Muster, das sich bei manch anderem Weinbaubetrieb Montefalcos wiederfindet.

Heute finden sich rund um Montefalco 76 Weinbaubetriebe – und im Städtchen so manch einladendes Weingeschäft. (Bild: Markus Blaser)

Derweilen ragen die Weine von Colle Ciocco aus dem Durchschnitt heraus. Die Weißen zeichnen sich durch große Frische aus, allen voran der reinsortige Trebbiano Spolentino „Tempestivo“. Sie entstehen wie der Rosato „Brixio“ ausnahmslos in Stahl. Die Roten überraschen vor allem mit ihrer Eleganz und Feinheit, die vor allem beim so mächtigen Sagrantino außergewöhnlich ist. Das Geheimnis scheint in der Weinphilosophie der Gebrüder Spacchetti zu liegen: 24 Monate Reifung im großen Holzfass (25 hl) und drei Jahre Verfeinerung auf der Flasche. Im Vorstand des Konsortiums hat sich Lamberto vergeblich dafür stark gemacht, den Sagrantino erst nach fünf Jahren zu kommerzialisieren: „Es ist doch ein großer Widerspruch, wenn wir allen erzählen, dass der Sagrantino langer Reifung bedarf, aber schon nach 37 Monaten Weine mit noch aggressiven Tanninen auf den Markt bringen, die am Ende des Tages vielen nicht gefallen.“ Der Genuss, mit dem man seinen Sagrantino trinkt, gibt Lamberto Spacchetti zweifellos Recht. Die Sache hat allerdings einen ökonomischen Haken: Fünf Jahre Lagerung bis zum Verkauf binden erheblich mehr Kapital, erhöhen das unternehmerische Risiko und erschweren Neueinsteigern das Geschäft. Wer nicht mit anderen Weinen schnell Gewinn erwirtschaften kann, braucht schon heute einen langen finanziellen Atem, um die ersten Jahre nach der Firmengründung zu überstehen – und sicher weder Pandemie noch Krieg. Wer (jungen) Sagrantino kauft, braucht ebenso vor allem eines: Geduld.

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1 Wo nicht anders vermerkt, stammen die historischen Informationen aus Vaquero Piñeiro, Manuel: Umbria. Storia regionale della vite e del vino in Italia. Perugia: Volumnia 2012, S. 217-246.

2 Montefalco nella storia e nell’arte, Terni [1935], S. 24.

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