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Slow Wine 2018: Weingeschichten entdecken

Mitte Oktober ist in Montecatini Terme (Toskana) regelmäßig „Slow Wine Time“: Am 14. Oktober 2017 hat Slow Food die Ausgabe 2018 des „langsamen“ Weinführers vorgestellt – zum dritten Mal in Folge in der Therme Tettuccio – zum dritten Mal in Folge mit der „größten Weinverkostung des Jahres“ (Slow Food) – zum dritten Mal in Folge bei strahlendem Sonnenschein.

Bei sommerlichen 25° C fanden sich 450 Winzer persönlich in der Therme ein – 130 mehr als bei der ersten Austragung 2015 und somit ein neuer Rekord. 150 weitere Produzenten schickten wenigstens ihre besten Flaschen nach Montecatini. Mit je einem von Slow Wine ausgezeichneten und einem zweiten, frei gewählten Etikett pro Erzeuger standen somit 1000 Weine zur Degustation bereit. Ein grandioses Panorama des italienischen Weinbaus, das jeden Verkoster allerdings zur Auswahl zwingt.

Konzentrieren und diskutieren an der Slow Wine 2018.

Diese fiel insbesondere auf Siziliens Weißweine. Vielen gilt der Weinkontinent Sizilien ja noch immer vor allem als Rotweinlieferant, und die Begeisterung für vollmundige Nero d’Avola oder elegante Etna Rosso ist natürlich mehr als berechtigt. Doch schon vor mehreren Jahren hatte die überraschende Mineralität von Weinen aus autochthonen Sorten meine Neugier geweckt. Die entsprechende Erwartungshaltung wurde nun am klarsten vom DOC Sicilia Miano 2016 von Castellucci Miano bestätigt. Der reinsortige Catarratto wächst bei Valledolmo in der Contea di Sclafani, rund 60 Kilometer südöstlich von Palermo, auf 700 bis 900 Metern über Meer. Die Höhenlage erklärt seine Frische, der Verzicht auf malolaktische Gärung seine beinahe an einen deutschen Riesling erinnernde Stahligkeit. Entsprechend dezent ist die an Zitrone und etwas Mandeln anklingende Frucht.

Diese findet sich auch im Catarratto Terre Siciliane IGT 2016 Terre Rosse di Giabbascio von Centopassi wieder. An die Stelle der Stahligkeit tritt hingegen Salzigkeit, die wahrscheinlich auf die neunmonatige Reifung auf den Hefen zurückzuführen ist, möglicherweise aber auch von den roten, lehmhaltigen Böden auf „nur“ 350 Metern über Meer herrührt. Der somit nicht gar so extrem frische, aber gleichwohl süffige Weiße ist dem sizilianischen Politiker Pio La Torre gewidmet, der 1982 von der Mafia ermordet wurde. Das ist kein Zufall: Die Reben bei San Giuseppe Jato, knapp 20 Kilometer südwestlich von Palermo, gehören zu insgesamt 94 Hektar Weinbergen zwischen Monreale und Corleone, die von der Mafia beschlagnahmt wurden und seit rund zehn Jahren von der Genossenschaft Libera Terra biologisch bewirtschaftet und unter der gemeinsamen Marke Centopassi vermarktet werden. Der Name stammt vom gleichnamigen Film des Regisseurs Marco Tullio Giordana aus dem Jahre 2000, der das Leben Peppino Impastatos, seinen mutigen Widerstand gegen das organisierte Verbrechen und seine Ermordung durch die Cosa Nostra im Jahre 1978 thematisiert: Nur 100 Schritte (cento passi) waren es vom Haus der Familie Impastato zum Haus des Mafia-Bosses Gaetano Badalamenti. Der Kopf der berüchtigten Pizza-Connection saß zwar seit Mitte der 1980er-Jahren in den USA im Gefängnis, wurde in Italien aber erst 2002 für den Auftragsmord an Peppino verurteilt. 2004 starb Badalamenti, 2007 wurden seine Güter im Wert von 100 Millionen Euro vom italienischen Staat beschlagnahmt.

Das Beispiel zeigt: Wer ein Glas italienischen Weins vor sich hat, hat die Geschichte Italiens vor sich. Dabei geht es nicht immer um die mythische Verklärung heroischer Taten großer Männer, die – das Etikett zierend – sozusagen weinselig gesprochen werden sollen. Im italienischen Wein spiegelt sich vielmehr ganz oft kein museales, sondern ein sehr lebendiges Geschichtsverständnis, das schmerzhafte Ereignisse, Niederlagen und Brüche der historischen Entwicklung nicht nur erinnert, sondern auf die Gegenwart bezieht. So verstörend die damit verbundenen Geschichten zuweilen auch sein mögen – sie stellen einen emotionalen wie kulturellen Mehrwert dar, der den Weingenuss ergänzt, vertieft und letztlich eindeutig steigert.

Der Thermen-Park lädt zum Chillen von der Verkostung ein.

Wer sich auf solche Weingeschichten einlassen will, muss sich die nötige Zeit dafür nehmen. Dafür ist das Ambiente bei vielen Degustationen allerdings viel zu hektisch. Es war daher durchaus kein Nachteil, dass der Publikumsandrang bei Slow Wine diesmal etwas geringer schien als letztes Jahr. Und die Therme bietet den unschätzbaren Vorteil, dass man sich mit dem Verkostungsglas auf einen Platz des Cafés oder eine Bank im Park setzen und sich der Muße hingeben kann. Die Location passt somit ausgezeichnet zum Anspruch des „langsamen“ Weinführers. Wer im Oktober Ferien in der Toskana macht, hat jedenfalls gute Chancen, bei einem Abstecher nach Montecatini Terme bei Slow Wine die eine oder andere Weingeschichte zu entdecken.

Wein statt Heilwasser: Die Regina-Quelle blieb an diesem Samstag trocken.

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