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Weltstar als Weinbotschafter

Sie haben es schwer, die kleinen Ursprungsgebiete der Toskana. Deshalb geben sie seit einigen Jahren den Auftakt für die sogenannten „Anteprime“ Mitte Februar. Eine ganze Woche lang werden die neuen toskanischen Weinjahrgänge den aus aller Welt angereisten Weinjournalisten und Einkäufern vorgestellt. Dabei geben mit Chianti, Chianti Classico, Vernaccia di San Gimignano, Vino Nobile di Montepulciano und Brunello di Montalcino für gewöhnlich die großen Appellationen den Ton an. Doch 2018 ziehen die kleinen mit einem Superstar buchstäblich ganz andere Saiten auf.

„Message in a bottle“ krächzt seine typisch heisere Stimme durch die Halle in der Fortezza da Basso in Florenz, und natürlich löst die Flaschenpost begeisterten Beifall aus. Sting intoniert den Police-Song – trotz Unterstützung durch seinen jamaikanischen Freund Shaggy – nicht ganz so Reggae-rassig wie im Original. Und dem Publikum entgeht möglicherweise, dass es sich eigentlich um einen Hilferuf handelt: „Sending out an SOS“ – hat der toskanische Wein das nötig?

Mit Blick auf den Jahrgang 2017 kann einem tatsächlich mulmig werden: Um 38 Prozent ist die Weinerzeugung gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, auf noch etwas mehr als 160 Millionen Liter. Damit fehlen vom 2017er fast 100 Millionen Liter Wein. Mit monatelanger Sommerhitze und Trockenheit setzt der Klimawandel dem Rotweinland Toskana stärker zu als anderen Regionen. 

Zu den erheblichen Produktionsschwankungen kommen strukturelle Verschiebungen auf den Exportmärkten hinzu. Die fallen ins Gewicht, weil die Toskana 60 Prozent ihrer DOP-Erzeugung als Flaschenweine ins Ausland verkauft – mehr als die Hälfte davon allein in die USA und nach Deutschland. Zusammen mit Kanada, Großbritannien (Stichwort Brexit) und der Schweiz ist der Absatz in den fünf wichtigsten Zielländern 2016 um fünf Prozent eingebrochen und hat sich 2017 immerhin gehalten. Umgekehrt sind die übrigen Absatzmärkte insgesamt 2016 um zwei und 2017 um drei Prozent gewachsen. Damit zeichnet sich ein Trend hin zu den neuen, noch unbeständigen Boom- und weg von den tendenziell gesättigten Traditionsmärkten ab. Diese stellen keine „beruhigende Garantie“ mehr dar, sondern erfordern „dauerhafte kommerzielle Anstrengungen“, hält das Agrarmarktinstitut ISMEA fest.

Da kommt das Engagement des weltberühmten Sting als Weinbotschafter wie gerufen. Er wirkt in dieser Rolle auch glaubwürdig, weil er zusammen mit seiner Frau Trudie Styler auf der Tenuta Il Palagio bei Figline Val d’Arno selbst Wein produziert. Gordon Sumner, 1979 noch als Schiffbrüchiger „looking for a home“, ist in der Toskana heimisch geworden. Seine „Message in a bottle“ verschickt er in Form eines IGT-Weißen aus Vermentino (84%), Sauvignon (14%) und Trebbiano sowie eines IGT-Roten aus Sangiovese (70%), Syrah (15%) und Merlot (15%). Keine internationalen Sorten gibt es im Chianti DOCG „When we dance“, der aus Sangiovese (95%), Canaiolo und Colorino und im Stahltank entsteht. Önologe Paolo Caciorgna bringt dabei mit Cryo-Mazeration eine extreme Bonbon-Aromatik zur Geltung, die für toskanische Weine ziemlich ungewöhnlich ist. Das wirkt zwar etwas aufgesetzt, ja fast künstlich, und hebt sich doch wohltuend vom Barrique-Mainstream ab.

Derweil folgt der Publikumsstrom Sting, Trudie und Shaggy auf ihrem Rundgang von Stand zu Stand. Die meisten der gegen 200 Begleiter sind Journalisten. Sie versuchen verzweifelt, mit den dreien auf Tuchfühlung zu kommen, wenigstens mit Kamera oder Smartphone ein (bewegtes) Bild zu erhaschen. Doch das ist in dem Gedränge schier unmöglich. Ein großer Schluck aus dem gereichten Glas, Anstoßen, Lächeln, anerkennendes In-die-Hände-Klatschen – und weiter geht’s.

Yeah, geschafft! Shaggy, Sting und Trudies blonder Haarschopf aus vier Metern auf dem Smartphone verewigt – denn schließlich kann’s ja keiner lassen… (Bild: MB)

Klar spekuliert jeder Medienschaffende in solchen Situationen auf ein unverhofftes Kurzinterview. In diesem Fall ist die überbordende Begeisterung allerdings so distanzlos wie einseitig. Die Promis stehlen den Weinen die Show, doch dafür können sie nichts. Nach ihrem Abgang bleiben die eigentlichen Protagonisten des Anlasses in einer ziemlich verwaisten Halle zurück. Die meisten Journalisten sind verschwunden.

Die Ruhe nach dem Spektakel hat aber auch ihr Gutes. Wer da bleibt und sich auf die Weine einlässt, kann so nämlich durchaus Neues entdecken. Zum Beispiel gibt es immer mehr reinsortige Ciliegiolo. Die autochthone Rebsorte wächst auf immerhin 800 Hektar, in der Toskana vor allem in der Maremma. Sie bringt dunkelrote, eher säurearme Weine mit intensivem Kirscharoma hervor (ciliegia = Kirsche). Der Maremma Toscana DOC Rosso Ciliegiolo 2015 „Sciresa“ von Poderi Firenze (Arcidosso GR) verführt hingegen mit leuchtendem Granat sowie frischem Duft nach roten (Erd-) Beeren und leichter Herbe. Im Mund ist er flüssig, verhalten fruchtig, angenehm, schön zu trinken; das Tannin hallt im Abgang nach. Kurzum ein tolles Beispiel dafür, was mit dieser Traubensorte möglich ist.

Eine Rarität ist der erst 1981 (wieder) entdeckte und nach der Form seiner Beeren benannte Pugnitello (pugno = Faust). Er ergibt ebenfalls kirschfruchtige, tanninreiche Weine von dunkler, rotvioletter Farbe. Diese sticht beim Toscana IGT Pugnitello 2015 von Roccapesta (Scansano GR) allerdings eher ins mittlere Rubin. Im nicht stark fruchtigen Duft finden sich neben Weichseln auch Brombeeren. Der Wein zeigt sich füllig, mit guter Säure, dunklen Waldfrüchten und wenig Herbe.

Vom Sangiovese, der „toskanischsten“ aller Traubensorten bleiben zwei reinsortige Überraschungen in guter Erinnerung:

  • Maremma Toscana DOC Rosso 2015 „Altana“ von Muralia (Roccastrada GR): Mittelhelles Granat; etwas herbe Sangiovesefrucht, aber typisch, angenehm; schöner Fluss, eher leicht, gute Säure, klassische Sangiovesefrucht, etwas herb. Überraschend, weil die Maremma-Sangiovese sonst viel kräftiger sind.
  • Maremma Toscana DOC Rosato 2017 „Macchiaiolo“ der Cantina „I vini di Maremma“ (Marina di Grosseto GR): Helles Rosa; verhalten, Pfirsich; prickelnd im Mund, gute Säure, zarte Frucht, sehr fein. Überraschend, weil aus Sangiovese kaum derartig elegante Rosés gekeltert werden.

Die kleinen toskanischen Appellationen sind voll solcher Überraschungen – man muss nur Lust haben, sie auch zu entdecken. Ihre Vielfalt zwingt einen aber auch zur Auswahl, und wenn die auf einheimische rote Traubensorten fällt, entgeht einem leider viel anderes. Die weißen Vermentino, die Carmignano oder die Syrahs von Cortona beispielsweise müssen unbedingt beim nächsten Mal verkostet werden. Vielleicht wieder zusammen mit Sting? Im Ernst: Eine professionelle Degustation mit ihm könnte den Hype um die Person mildern und seine Rolle als Weinbotschafter in den Vordergrund rücken. Davon würden Winzer und Weine wirklich profitieren – und das ist ja schließlich der Zweck seines Engagements.

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