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Passion Chianti

Ich bin ein großer Liebhaber des Chianti. Deshalb freue ich mich jedes Jahr riesig auf die neuen Jahrgänge, die seit einigen Jahren unter dem Motto „Chianti Lovers“ Mitte Februar in Florenz vorgestellt werden. Diesmal geriet die Begegnung mit ihnen zur Passion – ich leide mit dem Chianti am wirklich schwierigen Jahrgang 2017.

Auch der 2014er gilt als schwieriger Jahrgang. Ein verregneter Sommer und Hagelschlag machten den Winzern damals zu schaffen. Aber erstens waren davon nicht alle gleichermaßen betroffen, und zweitens haben viele auf ambitionierte Sonderabfüllungen verzichtet und auch aus ihren besten Trauben Chianti gekeltert. Das Resultat waren erstaunlich frische, fruchtige, zugängliche Weine, die Freude machen und deshalb auch – wie erforderlich – rasch getrunken werden. Mit „kalten“ Jahren kommen die Erzeuger heute erstaunlich gut zurecht.

Mit „heißen“ Jahren wie 2017 tun sie sich hingegen erheblich schwerer. Neben der Hitze ist vor allem die anhaltende Trockenheit am Produktionsrückgang um 40 Prozent schuld – ganz ohne Regen wachsen nun mal keine Trauben. Das heiß-trockene Klima beeinflusst aber auch die biochemischen Prozesse in den Beeren. Während die Zuckerkonzentration schnell steigt, kommt die physiologische Reifung zum Erliegen. Die Rebe tritt sozusagen in den Streik.

Was kann der Winzer tun? Vorbeugend kann er auf das Entfernen der Rebenblätter verzichten und so die Trauben vor allzu direkter Sonneneinstrahlung schützen. Das Risiko ist Fäulnis, wenn es doch mehr als erwartet regnen sollte. Streikt die Rebe schon, kann er warten, bis der Reifeprozess nach einem Witterungswechsel wieder in Gang kommt. Dabei nimmt er allerdings das Risiko extrem hoher Alkoholgehalte in Kauf. Oft bleibt ihm aber nichts anderes übrig, als die Trauben zu früh zu lesen, weil der potenzielle Alkoholgehalt bereits gegen 15 Prozent strebt. 

Gemäß der weisen Erkenntnis, dass guter Wein im Weinberg entsteht, lässt sich im Keller wenig ausrichten. Allenfalls kann mit besonders schonender Kelterung und verkürzter Maischegärung der Tanningehalt etwas begrenzt werden, doch geht das umgekehrt wieder zu Lasten der Frucht. Das Resultat sind generell unausgewogene Weine mit hohem Alkohol, harten Tanninen und wenig Frucht. Nur absoluten Könnern gelingt es, unter diesen Bedingungen ansprechende Weine zu erzeugen. Und neben der Erfahrung braucht es dafür auch eine gute Portion Glück.

Lange Schlange vor der Fortezza da Basso: Das Interesse der Florentiner am Chianti ist trotz des schwierigen Jahrgangs 2017 erfreulich groß. (Bild: MB)

In der Tat zeigen sich die meisten 2017er Chianti derzeit verschlossen, ja fast abweisend. Manche Produzenten haben den neusten Jahrgang denn auch gar nicht mitgebracht, weil seine Beurteilung sehr viel Weinwissen und Verkostungskompetenz voraussetzt. Beides sehen sie aber vor allem beim allgemeinen Publikum, das bei Chianti Lovers ab 16 Uhr eingelassen wird, nicht unbedingt gegeben. Zweifellos kommen die gelungenen 2016er (und auch manche 2015er) besser an, aber Vergleiche zwischen Jahrgängen und Betrieben werden so natürlich schwierig und vor allem unfair, weshalb ich hier nicht näher auf einzelne Weine eingehe.

Andere Erzeuger bieten den 2017er nur als Fassprobe an und erklären, dass dieser Jahrgang vor allem Geduld braucht. Sie erwarten, dass sich die Tannine mit der Zeit abrunden und sich der Wein in einigen Monaten harmonischer präsentiert. Aufgrund meiner eigenen Verkostungserfahrung stehe ich solchen Voraussagen skeptisch gegenüber. Allzu oft handelt es sich bei Weinen mit unreifem Tannin und fehlender Frucht nämlich um „Knospen, die nie aufgehen“ (Max Schenkel). Doch ich lasse mich gerne eines Besseren belehren!

Meine positive Grundeinstellung dem Chianti gegenüber hat einen doppelten Grund. Zum einen ist er für mich persönlich unverzichtbar. Vielleicht ist Chianti der Wein, den ich am häufigsten trinke. Zuhause, wenn ich mir zu Mittag eine Pasta mache, greife ich meist nicht zu Brunello oder Barolo, sondern zum Chianti. Er ist für mich der Alltagswein schlechthin – und das ist keineswegs despektierlich, sondern anerkennend gemeint.

Ein Wein muss sich durch bestimmte Eigenschaften auszeichnen, damit man ihn täglich trinken mag. Viele wunderbare Weine taugen dazu kaum, sie fordern in der alltäglichen Routine schlicht zu viel Aufmerksamkeit. Gute Alltagsweine hingegen sind eher stille Begleiter. Sie betören nicht, sondern erfreuen mit duftiger Frucht. Sie fordern nicht heraus, sondern erfrischen mit knuspriger Säure. Sie überwältigen nicht, sondern unterstützen mit feinherbem Tannin. In diesem Sinne sind sie einfach, aber eben nicht banal. Und der Chianti erfüllt diese Kriterien fast ideal.

Ich verstehe deshalb nicht, weshalb er in der Florentiner Gastronomie so selten auftritt. Als Hauswein wird den unbedarften Touristen vielerorts ein x-beliebiger Toscana IGP aufgetischt. Dieser wird einem zuweilen sogar ganz unverfroren als „eigentlich ein Chianti“ angedreht. Mit diesem hat der meist indiskutable Inhalt der dabei zum Einsatz kommenden Korbflaschen freilich nichts zu tun. Die Rosstäuscherei ist daher nicht nur ein Imageschaden für den Chianti DOCG, sondern vor allem eine verpasste Chance.

Fast 3,9 Millionen Touristen haben 2017 in Florenz übernachtet.⁠1 Sie stellen eine vielversprechende Zielgruppe für den Chianti dar, weil sie im Unterschied zu den rund 5,5 Millionen Tagestouristen, die im Gedränge auf dem Ponte Vecchio ein Brötchen verdrücken, wenigstens am Abend richtig essen gehen. Abseits der Touristenfallen finden sie auch die echte „arme“ toskanische Küche, die aber leider kaum vom echten Chianti begleitet wird.

Es ist wohlgemerkt sehr zu begrüßen, dass Chianti Classico, Vino Nobile, Brunello oder auch Bolgheri usw. mittlerweile in ansprechender Qualität zu vernünftigen Preisen auch glasweise ausgeschenkt werden. Doch der Hauswein sollte einfach ein Chianti sein. Das ist der zweite Grund, weshalb ich ihm mit so viel Wohlwollen begegne: Der Chianti verkörpert wie kein anderer so etwas wie toskanische Identität, und das sollte – wie bei der Küche – viel deutlicher kommuniziert werden.

Dazu ein paar Zahlen. Die Rebfläche der Toskana beläuft sich auf rund 58 500 Hektar. 93,1 Prozent davon entfallen auf DOP-Weine (DOCG & DOC), lediglich 4,3 Prozent auf IGP und sogar nur 2,6 Prozent auf gewöhnliche Weine (Durchschnitt ganz Italien zum Vergleich: DOP 55,7%, IGP 23,1%, Rest 21,2%). Von der DOP-Rebfläche wiederum entfallen allein 44 Prozent auf den Chianti, gefolgt vom Chianti Classico mit 21 Prozent und Brunello mit gerade mal 6 Prozent.⁠2

Entsprechend wird in der Toskana mit Abstand am meisten Chianti erzeugt. 2016 waren es 75 Millionen Liter im Wert von 87 Millionen Euro. Ein Liter Chianti DOCG 2016 kostet somit im Schnitt gerade mal 1,16 Euro. Ein Liter Toscana IGP 2016 ist mit 0,78 Euro zwar noch deutlich billiger. Aber es handelt sich hier um reine Produktionspreise für Fasswein – Kosten für Flasche, Abfüllung, Verschluss, Etikett, Transport und Mehrwertsteuer kommen noch dazu. Unter dem Strich ist kaum denkbar, dass die 38 Cent Differenz beim Wein einen entscheidenden Unterschied für die Gastronomie ausmachen.

Man könnte den Chianti in Florenz doch mal versuchsweise für einen Euro pro Glas aus der Flasche ausschenken. Davon hätten doch alle etwas: die Touristen einen echten Toskaner im Glas, die Trattorien mehr Umsatz und die Produzenten mehr Absatz. Und vor allem würde man mit einer solchen Aktion etwas für das Ansehen des Chianti tun. Gerade 2018 hat er das besonders nötig.

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1 http://centrostudituristicifirenze.it/blog/affitti-turistici-a-firenze-nel-2017/

2 Alle Angaben in diesem und dem nächsten Abschnitt stammen vom Agrarmarktinstitut Ismea.

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